Frau Schön, die Corona-Krise ist für viele Menschen eine psychische Belastung. Die Einschränkungen in sozialer Interaktion, Existenzängste, Probleme in der Kinderbetreuung etc. verlangen ihnen einiges ab. Inwiefern ist die Situation für Suchtkranke gerade besonders schwierig? Vor welche Herausforderungen sind Suchtkranke derzeit gestellt?
Kerstin Schön: Suchterkrankte Menschen weisen häufig multiple Problemlagen auf. Oftmals belastet die Erkrankung die Beziehung zur Familie, führt zu verringerter Leistungsfähigkeit im Beruf oder gar zum Verlust des Jobs oder des Führerscheines. Durch die aktuelle Corona-Krise kommen nun noch diverse Belastungen und Einschränkungen hinzu. Dies könnte zu einer Verstärkung der Konsumproblematik führen. Gleichzeitig müssen durch Homeoffice oder Kurzarbeit viele Menschen mehr Zeit als sonst zu Hause verbringen. Hier tritt ein vorher vielleicht eher versteckter Konsum nun deutlicher in den Vordergrund und belastet die ohnehin oft angespannte familiäre Situation.
Mussten Sie Ihr Beratungsangebot ändern oder einschränken? Gibt es zum Beispiel Gruppen, die sich momentan nicht treffen können? Falls ja: Was hat das für Folgen?
Schön: Seit Mitte März musste unsere Fachstelle die Gruppenangebote einstellen. Kurz darauf waren auch persönliche Einzelkontakte aufgrund der Beschränkungen nicht mehr möglich. Wir haben jedoch sofort umstellen können auf telefonische Erstberatungen sowie auch die Fortführung von Einzelgesprächen mit unseren Patienten per Telefon. Wir sind also weiterhin für Hilfesuchende sowie für unsere Patienten erreichbar. Dennoch fehlt nach einigen Wochen den meisten der persönliche Kontakt. Insbesondere bekommen wir zurückgemeldet, dass den Patienten der gegenseitige Austausch im Zuge der Gruppen fehlt. Dazu kommt, dass viele zusätzlich auch einer Selbsthilfegruppe angeschlossen waren, welche momentan auch nicht stattfindet. Mit den aktuellen Lockerungen hoffen wir, demnächst wieder Hilfesuchende und Patienten unter Wahrung der Hygiene-Regeln persönlich bei uns in der Fachstelle begrüßen zu dürfen.
Die Nachfrage an Erstberatungen könnte noch steigen
Konnten Sie in den vergangenen Wochen und Monaten einen erhöhten Beratungsbedarf feststellen?
Schön: Wir haben eine in etwa konstant hohe Nachfrage an Erstberatungen. Eine Vermutung ist, dass der erhöhte Beratungsbedarf aber noch kommen wird. Häufig dauert es seine Zeit, bis Suchtkranke den Weg ins Hilfesystem finden. Zudem schieben manche einen erhöhten Drogen- oder Alkoholkonsum momentan auf die besonderen Umstände und bemerken die Problematik erst, sobald sich das äußere Leben wieder einigermaßen normalisiert hat – der Konsum aber bleibt.
Welche Suchterkrankungen sind in Wilhelmshaven am meisten verbreitet?
Schön: Das können wir so pauschal nicht beantworten. Zu uns kommen vorwiegend Menschen mit einer Alkoholerkrankung, was jedoch zeitgleich nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass dies die häufigste Suchterkrankung in der Jadestadt repräsentiert. Personen mit anderen Abhängigkeiten suchen uns vielleicht nur nicht so häufig auf. Ein eher „verdecktes“ Problem scheint beispielsweise der Cannabiskonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu sein. Oft kontaktieren uns in diesem Fall eher die Angehörigen, welche den Konsum entdecken oder Wesensveränderungen bemerken und sich Sorgen machen. Die Betroffenen selbst lehnen Hilfsangebote häufig ab und verharmlosen den Konsum, wobei dieser ernsthafte Folgen haben kann.
Angehörige befinden sich oft in einer schwierigen Situation
Wie viele Menschen leiden in Wilhelmshaven an einer Suchterkrankung?
Schön: Dazu liegen uns leider aktuell keine statistischen Kennzahlen vor.
Was können Angehörige von Suchtkranken (im Moment) tun, um den Betroffenen zu helfen?
Schön: Angehörige befinden sich oft grundsätzlich in einer schwierigen Position. Sie machen sich Sorgen und möchten dem Betroffenen helfen. Vielen wird vielleicht auch unter den aktuellen Umständen erstmals deutlich, dass ihr Angehöriger ein Suchtproblem hat. Oft schwanken Angehörige zwischen Verständnis und dem Wunsch zu helfen sowie Wut und Verzweiflung, wenn der Betroffene keine Hilfe annehmen möchte oder wiederholt Rückfälle auftreten. Generell ist es für den Krankheitsverlauf günstig, wenn der Betroffene ein stabiles soziales Umfeld hat und Angehörige in den Therapieprozess mit eingebunden werden. Das heißt möglichst dem Betroffenen Unterstützung signalisieren, sich gemeinsam informieren und Probleme offen kommunizieren. Wir wissen aber auch, dass es Verläufe gibt, an dem die Angehörigen einfach am Ende ihrer Kräfte sind, insbesondere bei langen und schwerwiegenden Suchterkrankungen. Es ist wichtig, sich nicht verantwortlich für den Krankheitsverlauf zu machen und vor allem auch auf seine eigene Gesundheit zu achten. Zwischendurch Abstand gewinnen, sich mit anderen Betroffenen austauschen und positiven Aktivitäten nachzugehen sind wichtige Dinge, um wieder Kraft zu tanken.
Das Risiko eines Rückfalls ist immer gegeben
Gibt es Gruppen von Suchtkranken, die momentan besonders gefährdet sind, zum Beispiel solche, die gerade aus einem stationären Aufenthalt entlassen wurden?
Schön: Da wir unsere Leistungen per Telefon weiter führen, ist zum Beispiel eine ambulante Weiterbehandlung nach einer stationären Therapie bei uns gewährleistet, sofern dies vorab beantragt und genehmigt wurde. Da sich aber auch viele zur weiteren Stabilisierung nach einer stationären Therapie einer Selbsthilfegruppe anschließen, fehlt diese Form der Unterstützung aktuell.
Ist für ehemals Suchtkranke derzeit das Risiko höher, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen?
Schön: Das hängt vom individuellen Konsummuster und den damit zusammenhängenden Faktoren ab. Hat jemand beispielsweise vormals konsumiert, um unangenehme Gefühle zu kompensieren, wie Angst oder Einsamkeit, kann die aktuelle Lage durchaus ein höheres Risiko für einen Rückfall bedeuten. Eine andere Person, welche hauptsächlich in Gesellschaften in der Kneipe oder mit Freunden konsumiert hat, könnte in der derzeitigen Lage dadurch profitieren, dass solche Risikosituationen zurzeit gar nicht auftreten. Das Risiko eines Rückfalles ist immer gegeben, oft auch ausgelöst durch Lebenskrisen wie Jobverlust, Trennung oder Verlust einer nahe stehenden Person. Somit ist das individuelle Rückfallrisiko auch davon abhängig, inwiefern jemand die derzeitige Lage oder deren Auswirkungen als für sich bedrohliche Krise empfindet.
Ist derzeit auch das Risiko für gesunde Menschen erhöht, eine Suchterkrankung zu entwickeln?
Schön: Das ist schwer einzuschätzen. Auch in der derzeitigen Lage spielen mehrere Faktoren für die Entwicklung einer Abhängigkeit eine Rolle. Gab es beispielsweise schon vorher einen riskanten Konsum? Inwiefern bin ich durch die Einschränkungen persönlich betroffen? Welche anderweitigen Strategien habe ich generell im Umgang mit Stressfaktoren, Angst oder Unsicherheit im Laufe meines Lebens entwickeln können? Hier stellt die derzeitige Situation nur einen Faktor von vielen dar. Bei vorbelasteten Menschen könnte dies das Risiko der Entwicklung einer Abhängigkeit jedoch begünstigen.
