Klaus Maria Brandauer spielte im James-Bond-Krimi als Bösewicht mit, im Oscar-prämierten Film „Mephisto“ die Hauptrolle, der Wiener Burgschauspieler führt Regie und wurde mit Preisen überhäuft. Im Jahr 2000 las er zur Expo in der Wilhelmshavener Stadthalle aus Peer Gynt, während Thomas Hengelbrock Griegs Musik dazu dirigierte. Am kommenden 6. Juni liest Brandauer, jetzt fast 80 Jahre alt, wieder in Wilhelmshaven – im Stadttheater aus Mozart-Briefen.
Seit 15 Jahren im „Rentenalter“ – was treibt Sie heute um, mit welchen Projekten sind Sie neben der anstehenden Vortragsreise aktuell befasst?
Klaus Maria BrandauerAlso mein Schreibtisch liegt erfreulicherweise voller Projekte und wenn etwas konkret wird, dann sprechen wir darüber. Es wird gerade in der Kunst viel zu viel angekündigt, wichtig sind doch die Energie und das Gefühl fürs Machen, für den richtigen Moment. So habe ich das immer gehalten, mit dem Alter kommt dann noch eine gewisse Gelassenheit hinzu, die auch nicht schadet.
Man ist so alt, wie man sich fühlt. Wie fühlen Sie sich?
BrandauerIch fühle mich gut und ich bin froh, dass ich unterwegs sein kann. Man sagt ja oft, das Alter wäre nur eine Zahl, aber das ist schon richtig so. Ich habe mir immer sehr genau überlegt, wie ich meine Zeit verbringen möchte. Das hilft mir jetzt. Mit Druck erreicht man gar nichts, die Dinge müssen fließen
Im Rückblick verglichen – welche Bedingungen herrschen heute an den Theatern und im Film, was hat sich verändert?
BrandauerDa bin ich vielleicht nicht der richtige Ansprechpartner, weil ich beim Film und beim Theater in den letzten Jahren immer nur „Gastspiele“ gegeben habe. Aber ich hatte schon den Eindruck, dass die Ressourcen immer knapper werden, dass man wenig Zeit hat und sehr auf den Erfolg schielt oder schielen muss. Das muss ja nicht zwangsläufig zu schlechten Ergebnissen führen. Aber wenn man Kunst machen will, dann muss auch ein Scheitern möglich sein, ganz grundsätzlich. Wer nichts wagt, kann auch nicht gewinnen!
Sie haben viele (historische) Figuren mit starken Brüchen gespielt – was verbinden Sie mit dem Begriff Schicksal?
BrandauerDas ist eine gute Frage, es hängt davon ab, wo man herkommt. Ich meine das in dem Sinne, woran man gelernt hat zu glauben. Es passiert uns etwas und dann ist es entweder Schicksal oder Zufall oder Vorsehung. Für jede Variante gibt es gute Begründungen und es spricht ja auch nichts dagegen, den Blickwinkel hin und wieder zu wechseln. Nur sollte man das eben nicht zu oft versuchen.
Der Regisseur Istvan Szabo führte in einem Interview einmal aus, welche Möglichkeiten der Film bietet, mit dem Mittel der Mimik der Schauspieler zu erzählen – mit langen Kameraeinstellungen auf dem Gesicht. Während es dabei auf ein Wimpernzucken ankommen kann, gilt beim Theater doch wohl eher die große Geste. Sehe ich das richtig? Wie schafft man den Spagat zwischen Film und Theater?
BrandauerEs sind wirklich zwei verschiedene Dinge und die Unterschiede sind größer, als man zunächst denken mag. Während es beim Theater darauf ankommt, das Publikum im Raum zu erreichen, mit was auch immer, wäre genau dieser Versuch beim Film kontraproduktiv. Da geht es vielmehr um eine Kraft und Deutlichkeit in der Empfindung. Ich bin sehr froh, dass ich beides machen kann. Der Gegensatz ist ja sehr reizvoll, aber man darf Theater und Film nie gegeneinander ausspielen.
Der Briefwechsel zwischen Wolfgang Amadeus Mozart und seinem Vater Leopold Mozart sowie Josef Bullinger, einem Freund der Familie, auf Mozarts Reise von Salzburg nach Paris erzählt die Geschichte einer Emanzipation in den Jahren 1777/78.
Mit der Tournee wird der 80. Geburtstag von Klaus Maria Brandauer gefeiert, der am 22. Juni 1943 in Bad Aussee in der Steiermark geboren wurde. Brandauer gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Bühnen- und Filmschauspielern unserer Zeit.
Im Wechsel dazu spielt der international renommierte Hamburger Pianist Sebastian Knauer Auszüge der berühmtesten Klavierwerke Mozarts, unter anderem die Klaviersonate KV 331 „Türkischer Marsch“, die Fantasie c-Moll KV 475, die Klaviersonate KV 545 „Sonata Facile“, die Variationen „Ah, vous dirai-je maman!“ und das „Ave Verum“ KV 618.
Die Tournee führt vom 5. bis zum 14. Juni 2023 durch zehn Städte: Bamberg, Wilhelmshaven, Hamburg, Osnabrück, Paderborn, Hannover, Bremen, Münster-Hiltrup, Plön, Wesselburen. In Wilhelmshaven treten die Künstler am 6. Juni, 20 Uhr, im Stadttheater, Virchowstraße 22, auf. Tickets ab 42 bzw. 53 EUR sowie besondere VIP-Tickets gibt es an allen bekannten Vorverkaufs-Stellen sowie online auf eventim.de.
Trotz weltweiten Umbruchs sehen wir uns seit einem Jahr erst in Deutschland aus dem Nest eingemerkelter Glückseligkeit herausgeschubst. Als einer, der in der Welt herumkommt, wie nehmen Sie die Welt wahr?
BrandauerIn Shakespeares Hamlet heißt es ja, die Welt ist aus den Fugen. Ich hätte nie geglaubt, dass diese Zeilen nochmals so treffend sein könnten. Besser kann ich es im Moment nicht ausdrücken. Ich habe viele Fragen und kaum Antworten und traue mich manchmal kaum, die Zeitung aufzuschlagen. So geht es ja vielen von uns gerade
Welches Buch würden Sie heute schreiben oder welches Buch kennen Sie, dass die heutigen Umbrüche treffend beschreibt, welchen Film oder welche Figur würden sie heute exemplarisch spielen wollen?
BrandauerLesen hilft, und zwar in doppelter Hinsicht. Es versetzt einen in einen anderen Aggregatzustand, ermöglicht Konzentration und zugleich kann es im besten aller Fälle zur Klärung beitragen. Ich empfehle deshalb gern, sich die großen Klassiker wieder vorzunehmen, Goethe, Schiller, Dostojewski oder Thomas Mann. Selber mache ich das immer wieder mit großem Gewinn, insbesondere wenn man die Werke schon mal gelesen hat. Das ist immer sehr gut investierte Lebenszeit.
Haben Sie noch eine Erinnerung an Ihren Besuch in Wilhelmshaven im Jahr 2000?
BrandauerEhrlich gesagt, nein. Ich könnte jetzt leicht eine Anekdote erfinden, aber wem würde das helfen. Auf jeden Fall freue ich mich, dass ich jetzt wiederkomme.
Ist es Zufall, dass die anstehende Tournee Sie auch nach Wilhelmshaven führt, oder ist es eine Reminiszenz an das Jahr 2000 und womöglich eine Reverenz an Thomas Hengelbrock, der von hier stammt? Treffen Sie ihn womöglich hier und haben Sie noch gelegentlich Kontakt?
BrandauerZufall ist kaum etwas im Leben, aber eine Absicht steckt trotzdem nicht überall dahinter. Thomas Hengelbrock und ich – wir sind in den letzten Jahren immer wieder zusammengetroffen und haben ja auch mehrfach zusammengearbeitet. Insofern glaube ich nicht, dass er vorbeikommen wird. Aber es ist schön, wenn Orte mit bestimmten Menschen verbunden sind. So verbinden wir ja auch Mozart und Salzburg, auch wenn er noch an vielen anderen Orten tätig war.
Damals war es Peer Gynt mit Musik von Edward Grieg – heute die Briefe Mozarts mit seiner Musik? Welche Rolle spielt welche Musik in Ihrem Leben?
BrandauerIch höre viel Musik, aber eher weniger nebenbei, sondern ich nehme mir das richtig vor. Das ist dann oft Klassik, aber auch andere Sachen. Es gibt da nicht mal besondere Vorlieben, ich habe keinen nachvollziehbaren Musikgeschmack. Die Musik muss mich angehen, erreichen, dann passt es.
Was erzählt Mozart in seinen Briefen, die er auf seiner Paris-Reise schrieb, worum kreisen seine Gedanken?
BrandauerMich interessiert nicht so sehr das Genie Mozart, sondern der Mensch dahinter oder besser darinnen. Dann verstehe ich ihn gut und er wird einer von uns, was er ja ohne Zweifel ist. Und es macht ihn nicht kleiner, sondern größer. Das ist das Schöne daran!
Was erzählt Ihnen Mozarts Musik?
BrandauerAlles, Mozart hat Musik für alle Gelegenheiten und zu allen Lebenslagen geschrieben. Da war er vielleicht der Einzige, der das in solcher Vollendung geschafft hat. Es ist ein Schatz, eine Stütze unserer Zivilisation. Wir wären so viel ärmer ohne ihn!
