Wilhelmshaven - Die Aktion „Kinder von Tschernobyl“ ermöglichte in den 1990er Jahren weißrussischen Kindern einen Aufenthalt in Wilhelmshaven und Friesland. Für manches Kind wurden die Weichen fürs Leben gestellt. Auch Aljona, heute 36 Jahre alt, denkt an die beiden vierwöchigen Aufenthalte, die sie hier verbringen konnte, dankbar zurück. Jetzt besuchte sie Uta Göpfert, die damalige Initiatorin der Aktion. Aus Gründen, die an dieser Stelle nicht erläutert zu werden brauchen, soll ihr vollständiger Name nicht genannt werden.
Am 26. April 1986 explodierte der Atomreaktor von Tschernobyl an der nördlichen Grenze der heutigen Ukraine. Große Mengen radioaktiver Artikel wurden freigesetzt. Die nähere Umgebung des Reaktors wurde derart verseucht, dass sie noch heute Sperrgebiet ist. Radioaktive Wolken breiteten sich über Teile Westeuropas, Skandinaviens und Osteuropas aus.
Großmutter musste Zwangsarbeit leisten
Rund 300 Kilometer nördlich von Tschernobyl befindet sich die weißrussische Stadt Mogilow. Von hier stammt Aljona. Sie wurde zwei Jahre nach der Katastrophe geboren und besuchte als Kind vom Dorf eine Internatsschule in der Kreisstadt, um dort den höheren Schulabschluss zu erwerben. Sie hatte sich für Deutsch als Fremdsprache entschieden.
In Wilhelmshaven und Friesland löste die Katastrophe eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Uta Göpfert aus Roffhausen gründete die Initiative „Kinder von Tschernobyl“, um Hilfsgüter nach Weißrussland zu transportieren, aber auch, um Schulkindern einen Erholungsaufenthalt in Friesland und Wilhelmshaven zu ermöglichen.
Für die Menschen in Weißrussland und der Ukraine, die beide damals noch Teil der Sowjetunion waren, war der Unfall eine große Belastung, wenngleich die Zahl der Toten, die der radioaktiven Belastung direkt zugerechnet werden können, geringer ist, als ursprünglich befürchtet worden war.
An den Folgen starker radioaktiver Strahlung starben 47 der mit den Rettungs- und Sicherungsarbeiten betrauten Personen, zwei weitere starben durch Verletzungen und Verbrennungen infolge der Explosionen. In Weißrussland, der Ukraine und den angrenzenden russischen Gebieten erkrankten bis zum Jahr 2015 deutlich mehr Menschen, die zum Zeitpunkt der Katastrophe unter 18 Jahren waren, an Schilddrüsenkrebs. Die offizielle Zahl lautet 19.200. Diese Zahlen gibt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) bekannt.
Für die Zahl der infolge der Reaktorkatastrophe in den von starkem Fallout betroffenen Gebieten um den Reaktor an anderen Krebsarten erkrankten Menschen und derjenigen, die im übrigen Europa an Krebs deswegen erkrankten oder gar starben, gibt es laut BfS keine belastbaren Hinweise.
Aljona war eines von rund 120 Kindern, die auf diese Weise die spannende Reise nach Deutschland antraten und sich hier nicht nur körperlich gut erholten, sondern auch geistig erfrischten. Die heute 36-Jährige lernte Deutschland als gastfreundliches, weltoffenes und freiheitliches Land kennen – im Gegensatz zu ihren Großeltern. Aljonas Großmutter erzählte ihr, wie die Menschen im stalinschen Sowjetrussland unter Deutschlands nationalsozialistischen Mord-Eskapaden gelitten hatten; ganz Osteuropa war von der „Wehrmacht“ überfallen und gebrandschatzt, Menschen zu Millionen gequält und ermordet worden. Viele Osteuropäer - und so auch Aljonas Großmutter - wurden nach Deutschland verschleppt und hier als Zwangsarbeiter versklavt.
Überaus herzliche Aufnahme gefunden
Für Aljona aber legte Deutschland, das heißt, die Menschen in Wilhelmshaven und Schortens, zwei Generationen später den Grundstein für ein gelingendes Leben frei von den heutigen Zwängen ihres Heimatlandes. Sie durfte damals, zuletzt 2004, an zwei Reisen hierher teilnehmen und erinnert sich noch mit großer Freude an die freundliche Aufnahme ihrer Gastfamilien, aber auch an den herzlichen Empfang in der Franziskusschule. Deren damaliger Leiter Herbert Walter war auf Bitten von Göpfert sofort bereit, die jeweils zehn Kinder pro Törn aufzunehmen.
„Wir wurden überaus herzlich empfangen, wie Ehrengäste“, erinnert sich Aljona. Die ganze Schulgemeinschaft habe sich versammelt, um die „Kinder von Tschernobyl“ zu begrüßen. Es wurden Ausflüge organisiert ebenso wie extra Deutschstunden, unter anderem vom Gymnasiallehrer Hugo Stockter, an den sich Aljona noch gut erinnern kann. „Wir mussten fleißig sein und haben tiefgehende Gespräche geführt“, erzählt sie. „Diese jeweils drei Wochen wogen wie sonst ein Jahr Lernen“, sagt sie. Für sie und manch anderes Kind sei damals die Weiche für den weiteren Lebensweg gestellt worden. Aljona: „Dafür sage ich im Namen meiner Mitschülerinnen und -schüler der Franziskusschule, den Gasteltern, allen sonstigen Unterstützern und besonders Uta Göpfert Dank.“
Als Psychologin hilft sie Migranten
Zehn Jahre existierte die Aktion „Kinder von Tschernobyl“. Dann erlahmte das Interesse hierzulande, während die weißrussischen Behörden offensichtlich eine infiltrierende Wirkung auf die Kinder befürchteten und, wie Göpfert berichtet, die Reisen verboten.
Aljona studierte später in Minsk Germanistik und bekam Stipendien für Studienaufenthalte in Berlin und Potsdam. Berlin faszinierte sie. Sie arbeitete als Übersetzerin für eine Wohltätigkeitsorganisation, nahm weitere Jobs an und entschloss sich, ein Psychologiestudium aufzunehmen. Das schloss sie vor kurzem mit dem Master ab. Parallel arbeitete sie in der psychosozialen Betreuung für Russisch sprechende Migranten und ist jetzt als Psychologin mit der Diagnostik schutzbedürftiger Migranten, die harte Schicksale erlitten haben, betraut. Während ihres Studiums heiratete sie und hat eine mittlerweile neunjährige Tochter.
