Wilhelmshaven - Bewegung hält jung. Wer dies nicht glaubt, sollte sich ein Beispiel an Brigitta Bosse nehmen. Die 82-Jährige ist die Vorturnerin der „Flotten Motten“, einer privaten Gymnastikgruppe, der zurzeit acht Frauen angehören - von 70 bis 89 Jahren. Die einst älteste Teilnehmerin, Hanna Christophers, machte noch mit 100 Jahren mit. Das war vor Corona. Doch ein ewiges Leben beschert auch Gymnastik nicht.
Hanna und manche andere Turnfreundin haben sich „in den Himmel“ verabschiedet im Laufe der Jahre, bei einer Seniorensportgemeinschaft ist das der erwartbare Lauf der Dinge. Dennoch steht die Gruppe mitten im Leben. Brigitta Bosse hat für Trauer, Trübnis und schlechte Laune Übungen, die beim Überwinden helfen. Mit Bällen, Reifen, Stäben und Keulen, mit Bändern oder ohne Gerät bringt sie ihre Motten immer mittwochs eine Stunde lang gehörig auf Trab, und das jetzt seit 25 Jahren. Sie gibt das beste Beispiel, flitzt durch die Halle, als wäre sie 40, kerzengerader Gang. Und wenn sich sonst nichts an ihr bewegt, dann ihr Mundwerk. Erzählen kann sie ausdauernd, und wenn sie ihren Motten etwas Neues beibringt, dann spricht sie in Bildern.
Im Vordergrund steht neben dem Sport und seinem gesundheitsfördernden Zweck der Spaß. Humor ist, wenn man trotzdem lacht, erst recht im „knackigen“ Alter. Doch auf Muskelkater legt es Brigitta Bosse nicht an, der sei eher kontraproduktiv. Nichtsdestoweniger heißt es bei ihr, Körperspannung aufbauen. In der Körpermitte liegt der Beckenboden, den sollte man je älter, desto öfter trainieren, rät sie - übrigens auch den Männern. Und macht es gleich vor, ihre „Fahrstuhl-Übung“.
Im Sinne des Wortes legt es Bosse darauf an, ihre Frauen aufzubauen, körperlich und seelisch. „Wir wollen noch Schönes erleben“, sagt sie und scheucht ihre Motten durch die Halle von „Thera fit“ an der Bismarckstraße, wo sie seit einigen Jahren ihr sportliches Zuhause haben. Nach der Gymnastikstunde geht es nebenan ins Bäckerei-Café, wo man sich munter etwas erzählt, wenn alle wieder zu Atem gekommen sind. Dann werden Ausflüge verabredet. Die Motten sind schon viel herumgekommen, nach Thüringen, Wernigerode, in den Spreewald. Mittlerweile tritt man kürzer, bleibt im Lande.
„Es macht wirklich Spaß mit Brigitta“, lobt Angela, mit 70 Jahren das „Küken“. „Ich mach so lange, wie ich kann, und wenn es Sitzgymnastik ist“, verspricht Bosse. Viele Jahre hat die leidenschaftliche Gymnastin bei den „Hupfdohlen“ im TuS Glarum mitgemacht, war mit denen bei fünf Gymnastraden in verschiedenen europäischen Hauptstädten dabei. Ihre Turnfreundin Conny Bültena setzte ihr den Floh ins Ohr, eine eigene Gruppe zu gründen. „Du kannst das.“ Das war vor 30 Jahren. Bosse machte ihren Übungsleiterschein und absolvierte etliche Gymnastik-Fachlehrgänge. Da hatte sie die 60 zwischenzeitlich überschritten.
„Gymnastikgruppe 40+“ nannte sie die Gruppe zielgruppengerecht. Auf der Weihnachtsfeier 2001, die meisten Damen waren wohl mittlerweile 50+, wurde die zeitlosere Bezeichnung geboren. Die Mitglieder reimten für Bosse ein Gedicht und unterzeichneten es mit „Deine flotten Motten“. „Genau, das seid ihr“, sagte Bosse. So kam es, der Schriftzug ziert heute die T-Shirts.
Die Turnerei ist für Bosse immer ein schöner Ausgleich zum Beruf gewesen. Gelernt hat die gebürtige Wilhelmshavenerin Einzelhandelskauffrau und war auch etliche Jahre in dem Beruf tätig. Verheiratet mit einem Mariner, orientierte sie sich in der Familienphase um und legte ihre ärztliche Prüfung als Podologin ab. So manchem niedriger oder höher Gestellten in der Stadt zog es vor ihr die Schuhe aus.
Bis sie 80 war, führte Bosse ihre Praxis. „Fast 70 Jahre war ich beruflich tätig“, sagt sie. Wer schafft das schon? Na, wer wohl? - Die oberflotte Motte.
