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Begleitung der Polizei Wilhelmshaven Eine Nacht mit Alkohol, Blut, Unfällen und Streitereien

Mit einem Großaufgebot an Polizei und Feuerwehr wurde der Unfall auf der Freiligrathstraße abgesperrt und die Verletzten versorgt.
REPORTAGE

Mit einem Großaufgebot an Polizei und Feuerwehr wurde der Unfall auf der Freiligrathstraße abgesperrt und die Verletzten versorgt.

Michael Hacker

Wilhelmshaven - „Verkehrsunfall Freiligrathstraße/Ecke Preußenstraße; Auto kollidiert mit Verkehrsschild; eine Person eingeklemmt“. Kaum ist der Notruf gegen 22.35 Uhr in der Leitstelle eingegangen, mache sich direkt mehrere Streifenwagen der Polizeiinspektion (PI) Wilhelmshaven/Friesland auf den Weg in den Stadtnorden. Einsatzfahrt mit Blaulicht und Sirene – und ich bin mitten drin. Es ist eine von zahlreichen Fahrten, zu denen mich Michelle van Göns und Henning Schütte als eine von fünf Einsatz- und Streifendienstbesatzungen (ESD) in dieser Nacht mitnehmen. Denn die 25-jährige Polizeikommissarin und ihr Kollege geben mir einen Einblick, wie ein Dienst von Samstag zu Sonntag – 18 bis 6 Uhr – bei ihnen läuft.

Regen, Dunkelheit sowie die vielen Kreuzungen, die bis zur Unfallstelle zu queren sind, bedürfen besonderer Achtsamkeit. „Es bringt uns nichts, wenn wir bei der Anfahrt selbst einen Unfall haben. Auch mit Blaulicht und Sirene ist große Vorsicht geboten“, erklärt Polizeikommissarin (PK) Michelle van Göns, die auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat und immer wieder ein „Rechts frei“ in Richtung des Fahrers, Polizeioberkommissar (POK) Henning Schütte, gibt.

Verkehrsschild wird zu massivem Mast

Kurz darauf erreichen wir die Unfallstelle im Stadtnorden. Der Kreuzungsbereich wird abgesperrt, Zeugen werden befragt und erste Einzelheiten geklärt. Die Feuerwehr befreit indes mit schwerem Gerät den 17-jährigen Beifahrer, der durch den Aufprall im Fahrzeug eingeklemmt wurde. Denn, wie sich erst an der Unfallstelle herausstellt, war das anfängliche „Verkehrsschild“ ein massiver Verkehrsmast. Der alkoholisierte Fahrer (Atemalkoholwert: 1,54 Promille), der den Unfall allein beteiligt verursacht hatte, wird von uns zur Wache gebracht, wo ihm der Arzt eine Blutprobe entnimmt.

Dass uns in dieser Zeit zahlreiche Einsätze erwarten, war zu Schichtbeginn nicht vorherzusehen. „Klar, man weiß, nie was kommt. Meistens ist aber bei regnerischem Wetter weniger los als an schönen Tagen“, erzählt der Polizeioberkommissar, der seit mehr als zehn Jahren in der hiesigen PI arbeitet.

Kommentar
WZ-Redakteur Michael Hacker

KOMMENTAR Polizei einfach ihre Arbeit machen lassen

Michael Hacker

Opfer blutüberströmt und aufgelöst

Die Vorfälle, die auf uns warten, sind abwechslungsreich: Ob Verkehrsunfallflucht, bei der ein Radfahrer ein geparktes Auto touchiert und kurzum das Weite sucht, ein streitendes, alkoholisiertes Pärchen, welches der Polizei schon aus vorherigen Einsätzen bekannt ist, oder eine „spaßige Kabbelei“ unter Gästen einer Privatparty, die für andere, die die Polizei verständigen, nach einer Schlägerei aussieht. Etwas mulmiger wird mein Gefühl, als die Meldung kommt, dass eine Person seit mehreren Wochen nicht mehr gesehen wurde und nicht in der Wohnung anzutreffen ist. Nachdem Anrufe bei umliegenden Krankenhäusern kein Licht ins Dunkel bringen, fahren auch wir zu der Anschrift in der Südstadt – in der Hoffnung, dass sich die schlimmsten Befürchtungen nicht bewahrheiten. Als niemand reagiert, wird die Tür von der Feuerwehr geöffnet. Die Wohnung ist zwar leer, aber glücklicherweise kein Todesfall. Aufatmen! Der Fall ist für uns erledigt, die Kollegen übernehmen den Rest.

Um kurz nach 2 Uhr folgt der für mich aufregendste Einsatz dieser Nacht. In einer Diskothek an der Bahnhofstraße ist es zu einer Körperverletzung gekommen, das Opfer soll mit einem Glas im Gesicht getroffen worden sein. Als wir vor Ort eintreffen, kommt ein Mann blutüberströmt direkt auf uns zu. Kurzzeitig werden meine Knie weich, als ich sehe, wie das Blut von Kopf bis Fuß an ihm herunterläuft. Er hat eine klaffende Wunde an der rechten Wange, ist völlig aufgelöst. Als der Rettungswagen eintrifft, möchte er sich zunächst nicht behandeln lassen. Michelle van Göns und der Sanitäter reden ihm schließlich ins Gewissen, sodass er die zu nähende Wunde behandeln und sich ins Krankenhaus bringen lässt. Zwei weitere Einsatz- und Streifendienst-Einheiten suchen derweil in der Location nach Zeugen, befragen den Sicherheitsdienst und nehmen Daten auf. Wie es zu der Verletzung gekommen ist, lässt sich in dieser Nacht aber nicht mehr klären. „Zu Beginn meiner Dienstzeit haben mich solche Bilder lange beschäftigt und mir nachts den Schlaf geraubt. Inzwischen ist man da etwas abgehärteter“, erklärt Schütte auf meine Frage, wie er als Polizist solch einen Anblick verarbeitet.

50 Prozent der Arbeit am Schreibtisch

Es sind aber nicht nur die eingehenden Meldungen und Hinweise, mit denen sich van Göns, Schütte sowie deren Kolleginnen und Kollegen beschäftigen. Wenn es etwas ruhiger ist, stehen beispielsweise Streifenfahrten durch das gesamte Stadtgebiet auf dem Plan. „Wir haben schon unsere Lieblingsrouten, die wir gerne abfahren – vor allem fallen einem dort dann auch Veränderungen deutlich besser auf. Aber auch Nebenstraßen kontrollieren wir regelmäßig“, so der Polizeioberkommissar. Was auffällt ist, dass trotz Dunkelheit und Regen immer wieder Radfahrer ohne Licht zu sehen sind – wenn man sie denn überhaupt entdeckt. Van Göns und Schütte suchen mit ihnen das Gespräch, machen auf die Gefahren aufmerksam, appellieren an die Verkehrsteilnehmer – und verhängen in einigen Fällen auch Verwarngeld. „Ein eindringliches Gespräch bewirkt meist mehr, als das Verwarngeld“, erklärt die 25-Jährige.


Ist ein Einsatz draußen beendet, wartet auf der Wache die Fortsetzung. Sämtliche Einsätze müssen nämlich auch digital erfasst werden. „Etwa 50 Prozent unserer Arbeit findet am Schreibtisch statt“, erzählt Henning Schütte. Und das kostet Zeit. Zeit, die mitunter nicht gegeben ist, denn die Sicherheit und der Schutz der Bürgerinnen und Bürger hat oberste Priorität.

Wenn der nächste Einsatz reinkommt, muss das Schriftliche erst einmal auf die lange Bank geschoben und notfalls nach Dienstende in Form von Überstunden abgearbeitet werden. Schließlich sind die kommenden Einsätze im Stadtgebiet – und teilweise bis in den Landkreis Friesland – stets aufs Neue eine große Unbekannte.

Michael Hacker
Michael Hacker Lokalredaktion, Wilhelmshavener Zeitung
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