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Spionage Der Roman vom Wattenmeer, der die Militärführungen in Aufregung versetzte

Werner Jürgens
Robert Erskine Childers war ein passionierter Segler, hier mit seiner Frau Molly. Sein Roman „The Riddle of the Sands“ spielte vor der deutschen Nordseeküste.

Robert Erskine Childers war ein passionierter Segler, hier mit seiner Frau Molly. Sein Roman „The Riddle of the Sands“ spielte vor der deutschen Nordseeküste.

Privat

Ostfriesland/Wilhelmshaven - James Bond vor Ostfriesland? In der Tat ist die ostfriesische Nordseeküste Schauplatz einer der ersten modernen Spionageromane überhaupt. „Das Rätsel der Sandbank“ von Robert Erskine Childers erschien im englischen Original als „The Riddle of the Sands“ im Jahre 1903. In Deutschland blieb das Buch aufgrund seines brisanten Inhalts Jahrzehnte lang unveröffentlicht. Erst 1975 brachte der Diogenes Verlag eine Übersetzung heraus.

Held des Romans von Childers ist der aufstrebende junge englische Aristokrat Carruthers, der für sein Land im Auswärtigen Dienst arbeitet und von seinem ehemaligen Studienkollegen Davies zu einem Segeltörn mit Entenjagd vor der Nordseeküste eingeladen wird. Bei seiner Ankunft findet er sehr zu seinem Entsetzen statt einer luxuriösen Yacht einen schäbigen und beengten Einhandsegler vor. Das mit der Entenjagd entpuppt sich auch als Vorwand. In Wahrheit will Davies das Wattenmeer zu militärischen Zwecken erkunden. Tatsächlich stößt das Duo irgendwann auf geheime Aktivitäten, die den Verdacht nahelegen, dass die deutsche Marine einen Seeangriff auf England probt. Den Sielorten zwischen Jade und Ems kommt dabei eine entscheidende strategische Bedeutung zu.

Roman mitbrisanten Fakten

Der 1870 im irischen Glendalough geborene Robert Erskine Childers wusste aus eigener Erfahrung genau, worüber er da schrieb. Neben seinen Aktivitäten als Schriftsteller und Politiker war er nämlich ein passionierter Hochseesegler und hat bei seinen diversen Touren die Nordsee intensiv erkundet. Obwohl „The Riddle of the Sands“ eine ordentliche Dosis maritime Romantik enthält, stecken ebenso jede Menge brisanter Fakten in dem Buch. Immerhin zeigte die Kaiserliche Deutsche Marine um 1900 vehemente Bestrebungen, der bis dahin übermächtigen Flotte des britischen Imperiums Paroli zu bieten. „Deutschlands Zukunft liegt auf dem Meer“, meinte Kaiser Wilhelm II. 1896 anlässlich des 25-jährigen Bestehens seiner damals noch verhältnismäßig jungen Nation. Bald darauf brachte der Leiter des Reichsmarineamtes Alfred von Tirpitz die Flottengesetze auf den Weg mit dem erklärten Ziel, die deutschen Seestreitkräfte auf zwei Drittel der englischen Stärke hochzurüsten.

Für die ostfriesische Halbinsel erwiesen sich die kaiserlichen Allmachtsphantasien durchaus als wirtschaftlich profitabel. Bereits 1869 war Wilhelmshaven offiziell zum ersten deutschen Kriegshafen erklärt worden. 1871 entstand dort eine von insgesamt drei Kaiserlichen Werften, die bis 1918 fast ausnahmslos für die heimische Marine im Einsatz war. Auf der gegenüberliegenden Seite entwickelte sich Emden nach der Anbindung an den Dortmund-Ems-Kanal und dem Ausbau seines Hafens zum wichtigen Umschlagplatz für Kohle und Schwerindustrie aus dem Ruhrgebiet. 1903 wurde mit den Nordseewerken zudem eine weitere Großwerft aus der Taufe gehoben.

Mit SchutenAngriff auf England

Dreh- und Angelpunkt des Invasionsszenarios, das Childers in seinem Roman schildert, sind flachgängige und mit Soldaten bemannte Schuten, die vom ostfriesischen Wattenmeer aus eine Art Überraschungsangriff auf die englische Ostküste starten. Wie realistisch der Plan war, darüber streiten sich die Experten bis heute. Fakt ist jedoch, dass die britische Admiralität laut einer Aussage von Winston Churchill nach Erscheinen von „The Riddle of the Sands“ umgehend ihre Flottenbasen verstärkt hat. Auch auf deutscher Seite reagierten die Militärs nervös. Steine, die in Norddeich zur Deichbefestigung angeliefert worden waren, ließ man für alle Fälle entfernen, um zu verhindern, dass sich im Gegenzug womöglich britische Truppen dahinter verschanzen und ihrerseits Radio Norddeich einnehmen konnten. Völlig aus der Luft gegriffen war diese Befürchtung nicht. Dies zeigte sich, als 1910 zwei englische Marineoffiziere, inspiriert durch das Buch von Childers, Befestigungsanlagen auf Borkum, Wangerooge, Helgoland und Amrum auskundschaften wollten. Sie wurden geschnappt und in einem Aufsehen erregenden Prozess zu vier Jahren Festungshaft verurteilt, allerdings 1913 vom Kaiser begnadigt.


Ähnlich kläglich scheiterten die Bemühungen der deutschen Marine, die Vormachtstellung der britischen Flotte zu brechen. Nachdem mit der Skagerrakschlacht 1916 die größte Seeschlacht des Ersten Weltkrieges geschlagen war, hatten zwar beide Seiten herbe Verluste einstecken müssen. Unter dem Strich blieben die Kräfteverhältnisse auf dem Wasser aber unverändert. Als die deutsche Marineführung im Oktober 1918 per Flottenbefehl eine Entscheidung im Ärmelkanal erzwingen wollte, kam es innerhalb der vor Schillig-Reede stationierten Schiffsbesatzungen der Hochseeflotte zu Meutereien, die sich schnell zu einer Revolution ausweiteten. Damit war das Ende des Krieges besiegelt. Kaiser Wilhelm II. durfte abdanken.

Robert Erskine Childers hatte während des Ersten Weltkrieges zunächst in der britischen Marine als Offizier gedient, bevor er sich dann der irischen Freiheitsbewegung zuwandte. Politisch war er u. a. als Delegationsleiter, Pressesprecher und Abgeordneter des Parlaments seines Heimatlandes aktiv, bis er im Zuge des Irischen Bürgerkrieges zwischen die Fronten geriet und im November 1922 in Dublin exekutiert wurde. Der Grund für seine Verhaftung war angeblich das unbefugte Tragen einer Waffe. Kurz vor seiner Hinrichtung soll er an die Adresse seines Erschießungskommandos gesagt haben: „Tretet einen Schritt nach vorne Jungs, so wird es einfacher.“ Childers’ Sohn Erskine Hamilton führte das politische Wirken seines Vaters fort und war ab 1973 bis zu seinem Tod 1974 der vierte Präsident der Republik Irland.

Pflichtlektürefür Geheimdienst

„The Riddle of the Sands“ wurde unterdessen nicht bloß zur absoluten Pflichtlektüre für angehende Geheimdienstler, sondern mauserte sich zumindest in England auch so zu einem Bestseller, der darüber hinaus das Genre des modernen Spionageromans begründete. Childers war einer der ersten, der auf internationaler Ebene agierende Agenten und aktuelles Zeitgeschehen zu einer solchen „Suspense-Story“ verwoben hat. Selbst aufregende Verfolgungsjagd, smartes Gentleman-Flair und sogar ein zarter Anflug von Erotik tauchen in seinem Buch schon auf, wenngleich es bei ihm in diesen Punkten gemessen an heutigen Standards zugegebenermaßen doch extrem brav zugeht. Die bisweilen recht detailverliebt ausufernden Beschreibungen der Handgriffe rund um das Segeln dürften vielleicht auch nicht unbedingt jedermanns Sache sein. Trotzdem verweisen nicht von ungefähr viele gestandene und einflussreiche Krimiautoren wie z. B. John Buchan („Die 39 Stufen“), Eric Ambler („Topkapi“) oder Ken Follet („Die Nadel“) immer wieder auf Robert Erskine Childers und „The Riddle of the Sands“ als Vorbild.

Roman wurdeverboten

In Deutschland wurde der Roman bereits kurz nach seiner Veröffentlichung von behördlicher Seite aus „konfisziert“. Die Paranoia vor einer eventuellen Invasion von der Nordsee blieb bis weit hinein in den Zweiten Weltkrieg in den Köpfen der Militärs präsent. Noch im August 1944 befahl Adolf Hitler persönlich als Absicherung den Bau eines so genannten Friesenwalls, der sich von Ostfriesland bis zur dänischen Grenze erstrecken sollte. Einen Teilabschnitt, den die Insassen des KZs Engerhafe errichten mussten und der inzwischen als Mahnmal unter Denkmalschutz steht, kann bis heute im Sandhorster Wald besichtigt werden.

Diogenes brachteÜbersetzung heraus

Erst 1975 brachte der Schweizer Diogenes Verlag die deutsche Übersetzung „Das Rätsel der Sandbank“ von Hubert Deymann heraus. 1979 erschien ein auf dem Buch basierender Spielfilm des britischen Regisseurs Tony Maylam mit Michael York und Simon MacCorkindale in den Hauptrollen. Fünf Jahre später folgte eine zweite Verfilmung als TV-Serie für die ARD. Die Dreharbeiten fanden u. a. auf Baltrum statt und sorgten dort seinerzeit für gehörigen Medienwirbel, zumal einige der Inselbewohner als Nebendarsteller mitmachen durften. Auf Seiten der Profis gehörten illustre Größen wie zum Beispiel Peter Sattmann, Burghart Klaußner, Dietmar Mues, Isabel Varell und Gunnar Möller zur Besetzungsliste. Die komplette Serie inklusive einem Fernsehbericht von den Dreharbeiten auf Baltrum als Bonusmaterial gibt es mittlerweile als DVD-Box.

Als Taschenbuch ist „Das Rätsel der Sandbank“ nach wie vor im Diogenes Verlag erhältlich. Ebenfalls sehr empfehlenswert ist eine graphische Bearbeitung des Romanstoffs mit wunderschönen Zeichnungen des Künstlers Ole West und informativen Hintergrundtexten von Holger Bloem. Das großformatige Buch trägt auch den Titel „Das Rätsel der Sandbank“ und ist im holsteinischen Tidenhub Verlag erschienen.

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