Fedderwardergroden - „Corona hätten wir ohne weiteren Lockdown überstanden, doch dass uns eine langfristige Perspektive genommen worden ist, wirft alle Pläne über den Haufen“, sagt Sylvia Husmann (53). Vor elf Jahren eröffnete sie zusammen mit ihrem Ehemann Frank (55), gelernter Koch, das Gasthaus „Anno 1300“ in der Weserstraße, vier Jahre später erfolgte der Umzug nach Fedderwardergroden ins „Dreimädelhaus“, das zuvor vom Käsehändler Theo Haverkamp betrieben worden war und für das ein neuer Pächter gesucht wurde. Von Anfang an wurden die beiden Husmanns von ihren Kindern Mirco (heute 30) und Janina (26) unterstützt.
Rauer Umgang
Das „Dreimädelhaus“ passte für die Mittelalter-Fans, die dringend nach einer neuen Bleibe suchten, wie die Faust aufs Auge – was andere für dringend sanierungsbedürftig gehalten hätten, versprühte für Husmanns den gewünschten Charme der Vergangenheit, gerade richtig für ihr Veranstaltungs- und Gastronomiekonzept. Viele ihrer Stammkunden, so erzählen die Husmanns, sind so wie sie Freunde aus der Mittelalter-Szene bzw. aus der verwandten Gothic-Szene und lieben die derbe Kostümierung und rauhen Umgangsformen, die im „Anno“ gepflegt werden. Als Besteck reicht ein Messer, und wer gegen die mittelalterlichen Gelage-Gepflogenheiten des Hauses verstößt, sich dem Mundschenk gegenüber nicht untertänig genug verhält oder zur falschen Zeit den Becher hebt, muss mit einem Stüber rechnen und auch damit, sich am Pranger der johlenden Meute gegenüberzusehen.
Marktlücke
Geschmackssache, könnte man sagen, doch Husmanns haben damit eine Marktlücke besetzt, „die uns zwar nicht reich gemacht hätte, die uns aber unser Auskommen sicherte“, sagt Sylvia Husmann. Auch auf lange Sicht, so glaubten sie, und überließen deshalb ihrem Sohn Mirco, der bei ihnen die Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann absolviert hat, die Geschäfte.
„Wir haben enorm viele Stammkunden, erzählt dieser, und diese hätten das „Anno“ auch durch die Corona-Krise getragen. Die Leute kauften hier ihr Bier, das sie im Getränkemarkt billiger hätten haben können, kauften Gutscheine und kamen wieder, als das „Anno“ mit beschränkter Gästezahl wieder öffnen durfte.
„Wir mussten zwar auf unsere Reserven zurückgreifen, doch wären wir durchgekommen“, meint Sylvia Husmann. Vor dem Absturz bewahrte die Familie überdies, dass Frank Husmann über all die Jahre seine Stelle als Küchenbuchhalter beim Bund behalten und seinen Küchenjob im „Anno“ nur nebenberuflich ausgeübt hat.
Aus ganz Deutschland kommen die Gäste aus der Mittelalter- und Gothic-Szene, denn das „Anno“ ist ein Unikum. Die Schilde der Mittelalter-Vereinigungen, zieren die Saaldecke und unterstreichen, wie sehr die Szene sich hier zu Hause fühlt.
Investition nötig
Doch seien darüber hinaus auch viele Gesellschaften eingekehrt – für Betriebs-, Vereins- oder Weihnachtsfeiern. „Eigentlich hätten wir nach den Worten des neuen Eigentümers das Weihnachtsgeschäft noch mitnehmen können, weil er es mit seinen Neubauplänen angeblich nicht so eilig hat, doch nützt uns das nichts. Der Grund dafür ist, dass wir uns im Herbst ein neues Registrierkassensystem anschaffen müssten, um den neuen steuerrechtlichen Vorschriften zu genügen. Diese Anschaffung lohnt sich unter diesen Umständen aber nicht“, erläutert Sylvia Husmann.
Was die Zukunft bringt, wissen sie jetzt nicht. Derzeit suchen Sylvia und Frank Husmann eine neue Wohnung. Wenn die Corona-Krise einmal enden sollte, werden sie aber womöglich einen Neustart wagen. Geeignete Lokalitäten gebe es, auch in Wilhelmshaven, meint Mirco Husmann.
