Wilhelmshaven - Der Raum ist unheimlich. Ausgekleidet mit rund 50 Zentimeter langen, spitz zulaufenden, schwarzen Schaumstoffkegeln hört man nichts. Wird die Tür geschlossen, ist eine Orientierung kaum mehr möglich.
Doch Jens Gerdes ist heute nicht allein. Er ist einer von etlichen Besuchern des Prüflabors PZT an der Bismarckstraße, das am vergangenen Freitag sein 30-jähriges Bestehen gefeiert hat. Gerdes nimmt auf einem Stuhl Platz, der mittig zwischen vier Lautsprechern steht. PZT-Gründer und Geschäftsführer Wolfgang Herter drückt auf ein Knöpfchen. Ein diffuses Geräusch erschallt in kurzen Abständen. „Das Geräusch hat 1000 Hertz“, erläutert Herter. Gerdes soll sagen, ab wann er nichts mehr hört. Das Gleiche geschieht mit Impulsgeräuschen von 500, 250, 125 und 63 Hertz, also immer tieferen Frequenzen. Möglich sind auch 8000 Hertz. Das fiept dann.
Proband nur mit gutem Gehör
„Wir bilden hier akustisch ein Freifeld ab“, erläutert Herter. Gebraucht wird dieses Hör-Labor an der Bismarckstraße für die Prüfung von Gehörschutz. Das ist eine Spezialität der Wilhelmshavener PZT-Ingenieure. Probanden sind oft Studenten der Jade-Hochschule. 16 werden für eine Prüfserie gebraucht. Die Testpersonen müssen unter 30 Jahre alt sein und ihr Gehör muss gut sein. Die Hörfähigkeit wird als erstes gemessen. Bei älteren lässt das Gehör nach.
Als Prüflabor und Zertifizierungsstelle für Telekommunikationseinrichtungen begann das PZT-Labor. Es war eine Ausgründung aus den 1992 geschlossenen Olympia-Schreibmaschinenwerken. Heute blickt es mit erweitertem Dienstleistungsumfang auf sein 30-jähriges Bestehen zurück. Dies wurde nun gefeiert.
PZT beschäftigt heute 19 Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit, vorwiegend Ingenieure verschiedener Fachrichtungen. Es ist das von Herstellern am meisten nachgefragte Prüflabor für Gehörschutz. Jede neue Produktentwicklung benötigt die Zertifizierung für den Europäischen Markt. Bei PZT werden sie nach den einschlägigen technischen Normen geprüft. „Wenn es noch keine gibt, erarbeiten und dokumentieren wir den neuen Prüfgrundsatz.“ Bei der Entwicklung von Normen durch die Hersteller wird PZT mit zu Rate gezogen.
Schallschutz beiAltglascontainern
Es gibt viele Arten von Gehörschutz: Stöpsel im Ohr, Kapselgehörschützer mit einem Bügel über dem Kopf, die die ganze Ohrmuschel umschließen, solche an einem Industriehelm befestigte, pegelabhängige Gehörschützer, Kapselgehörschützer mit aktiver Geräuschkompensation, die von außen kommende Frequenzen elektronisch durch Gegenfrequenzen verschlucken, oder Gehörschützer mit Radio- oder Funkempfang.
Beteiligt war das Prüflabor auch bei der Entwicklung schallgeschützter Glasabfallbehälter. „Für eine Mess-Serie galt es, 120 Flaschen einzuwerfen“, berichtet Herter. Vom größten Prüfgegenstand zum kleinsten: Dabei handelte es sich um einen Lüftermotor für ein Display im Auto, dem das Quietschen abgewöhnt werden sollte.
Viele der Prüfvorrichtungen sind Eigenentwicklungen wie die, die den Anlegedruck der Kopfhörer mit Bügel und deren Belastbarkeit durch das Auseinanderziehen beim Auf- und Abnehmen misst. Viele dieser Prüfvorrichtungen haben Herter und seine Mitarbeiter mit dem Elektromechanikermeister Bernd Harken, ausgetüftelt, so auch für die Prüfungen von Produkten abseits des Gehörschutzes. Denn das Aufgabenspektrum des Labors hat sich mit den Jahren erweitert. So ermittelt man die Feuerfestigkeit und Isolierkraft von Stoffen für Schutzanzüge bis zu einer Temperatur von 500 bzw. demnächst 800 Grad Celsius oder die Abriebfestigkeit von Arbeitshandschuhen. Mit einer Art Guillotine hat das Labor untersucht, wie gut Schlachter in Schlachtbetrieben durch metallene Kettenhandschuhe gegen Schnittverletzungen geschützt werden können. Ein Fallturm mit speziellen Gewichten dient der Untersuchung von Schutzhelmen.
Geprüft wirdstreng nach Norm
Ohne Norm geht es nicht. Doch nicht jede Norm sei sinnvoll beziehungsweise decke sie nicht jede mögliche Gefährdungssituation ab, wie beispielsweise bei Helmen. So lässt man im Labor das Gewicht prüfnormgerecht mittig auf den Helm fallen. „Auf der Baustelle wird der Kopf aber öfter von der Seite oder schräg von oben im Nacken- oder Stirnbereich getroffen“, so Herter. Beispielsweise wenn der Getroffene nach einem Warnruf nach oben hat schauen wollen.
Das PZT-Prüflabor ist auch geeignet, Corona-Schutzmasken und die im Krankenhaus verwendeten Schutzanzüge zu testen. Davon allerdings hätten die Länder und Hersteller lieber Abstand genommen. Für Herter war klar, dass die meisten Produkte nicht die Anforderungen erfüllten. Die Produkte schützen vor allem Möglichen, aber nicht vor den Coronaviren. „Dafür wurde nutzlos viel Geld ausgegeben“, so Herter.
Bleibt noch zu erwähnen, dass das Labor gelegentlich auch von Ökotest und Fernsehproduktionsfirmen für die vergleichende Untersuchung von technischen Konsumgüterartikel in Anspruch genommen wird.
