Wilhelmshaven
Mit einem Spendenaufruf vor zwölf Jahren hatte es begonnen: Der Kampf um das Leben der damals knapp zweijährigen Jewgenia aus Mogilow in Weißrussland, der dortige Ärzte nur noch wenige Jahre gaben, wenn ihr nicht im Ausland durch eine Spezialbehandlung der fortschreitenden Rückenverkrümmung geholfen würde. Binnen weniger Wochen von den Wilhelmshavenern aufgebrachte 25 000 Mark leiteten die Wende zum Guten ein.Dennoch lag ein steiniger Weg mit unzähligen Arztbesuchen und Klinikaufenthalten vor dem Kind und seiner Mutter Ina Sandig. 2009 war es endlich so weit: Zwei Operationen von über elf Stunden Dauer beendeten die Zeit des Korsetttragens, die das Mädchen elf Jahre lang tapfer durchgestanden hatte. Und ein besonderes Weihnachtsgeschenk macht das Happy End komplett: Am Mittwoch überreichte Oberbürgermeister Eberhard Menzel Mutter und Tochter die Einbürgerungsurkunden.
Davon hatten beide Anfang der Woche noch nichts geahnt. Ihre weißrussischen Pässe hatten sie nach zwei Jahre währendem Ausbürgerungsbegehren vor kurzem bei der Botschaft zurückgeben können.
Deutsche mit allen Rechten und Pflichten werden zu wollen sei auch Ausdruck ihrer Dankbarkeit gegenüber dem Land, in dem sie so viel Gutes erfahren hätten. Dass die studierte Bauingenieurin, die jetzt im Callcenter Sykes arbeitet, den Einbürgerungstest mit Bravour meisterte und nur eine der 33 Fragen aus 310 möglichen nicht beantwortete, ist auch ein Beleg für ihre Worte: „Hier fühle ich mich zuhause!“
Jewgenia, kurz Jenny, ist ohnehin schon echte Wilhelmshavenerin, besuchte den Kindergarten Bant II, geht inzwischen zur Cäcilienschule – erfolgreich nicht nur in Mathe, Physik und Deutsch: „Politik finde ich jetzt ganz spannend.“
Wer der aufgeweckten 13-Jährigen gegenübersitzt, ahnt nicht, welcher Leidensweg schon hinter ihr liegt. Der schwerste medizinische Eingriff war in diesem Jahr gleichzeitig der am meisten herbeigesehnte: Jene Operationen, die einen eingewachsenen Keilwirbel entfernen, zwei Wirbel miteinander verbinden und mittels Titanstangen den Rücken stabilisieren sollten.
Der Tag zwei nach dem Einsetzen der Titanstangen war nicht nur für Jenny ein ganz besonderer. Ihre Mutter erinnert sich: „Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich sah, wie meine Tochter laufen lernte. Die Tür öffnete sich, Jenny kam – sechs Zentimeter größer – mit dem Chefarzt heraus und er sagte: ,Frau Sandig, bitte sehr, Ihre Tochter!‘“
Das postoperative Korsett trainierte sich Jenny im September ab. Und irgendwann war der große Moment da. „Ihr könnt das Korsett abnehmen“, sagte der Stationsarzt. Jenny: „Da haben wir vor Freude die halbe Station zusammengeschrien!“
Jenny kann inzwischen schwimmen, unter Aufsicht sogar Inline-Skate fahren, schmiedet schon Zukunftspläne: Nicht mehr Staatsanwältin, Architektin möchte sie werden.
Im Dank an die vielen Unterstützer, besonders in Wilhelmshaven, die ihrer Tochter den Weg in ein neues Leben ebnen halfen, nennt Ina Sandig einen Namen besonders: „Uta Göpfert, die Frau, die das alles möglich gemacht hat!“
Die in der Tschernobyl-Hilfe engagierte Roffhausenerin war die „Netzwerk-Strickerin“ von Anbeginn an, die nicht nur Türen öffnete, sondern für Ina zur verständnisvollen Freundin in allen Lebenslagen wurde.
