Brigitte Meiners

Ja was denn nun?, wird sich mancher gefragt haben, der am Samstag aufmerksam Zeitung gelesen hat. Kann ich die Auffrischungsimpfung nun bekommen oder nicht? Es sind wieder einmal die Behörden selbst, die für Verwirrung sorgen in dieser nun schon fast zwei Jahre dauernden Pandemiezeit.

Die Zahlen der Covid-Infektionen gehen wieder durch die Decke, die Krankenhäuser laufen voll. Impfen, impfen, impfen: So lautet das Credo der Stunde, nur so kann die vierte Corona-Welle, die wie eine Dampfwalze über das Land geht, gebrochen werden. Die Drittimpfung, die sogenannte Booster-Impfung, soll dabei helfen. Doch um die gibt es ein heilloses Durcheinander, durch das der Bürger, sei er noch so impfwillig, kaum durchsteigen kann. Dem aufmerksamen Zeitungsleser wurde das Wirrwarr in der Sonnabendausgabe dieser Zeitung mehr als deutlich.

Hatte er nicht auf Seite 2 des Wochenblatts gelesen, dass die mobilen Impfteams der Johanniter, die im Auftrag des Landkreises Friesland unterwegs sind, jetzt die 70-Jährigen und Älteren impfen dürfen? Die Impfteams, so hatte Landrat Sven Ambrosy am Freitag in einer Pressekonferenz erläutert, müssen sich aus haftungsrechtlichen Gründen nach den Vorgaben der Ständigen Impfkommission (Stiko) richten. Und die empfiehlt eine Booster-Impfung erst ab 70.

In derselben Zeitungsausgabe, einige Seiten weiter, suggerierte dagegen eine Anzeige des Bundesgesundheitsministeriums, alles sei ganz einfach. „Jetzt Impfschutz boostern“ – unter dieser Schlagzeile wurde in dem ganzseitigen Inserat genau aufgeführt, wer die Auffrischungsimpfung bekommen kann. Dazu gehören alle Bürgerinnen und Bürger, die älter als 60 Jahre sind, Vorerkrankte und Immungeschwächte, Pflegebedürftige, Pflegekräfte und medizinisches Personal und Personen, die mit den Impfstoffen von Johnson & Johnson oder Astrazeneca geimpft wurden. Einzige Voraussetzung: Zwischen der zweiten Impfung und der Auffrischung müssen mindestens sechs Monate liegen. Ist die Erstimpfung mit Johnson & Johnson erfolgt, beträgt der Impfabstand mindestens vier Wochen.

In Friesland gibt es bei den mobilen Impfteams den Auffrischungs-Piks zurzeit nur für bestimmte Personengruppen und für die über 70-Jährigen. Bei den niedergelassenen Hausärzten allerdings können nach Beratung durch den Arzt oder die Ärztin auch Jüngere geboostert werden. In der Theorie jedenfalls. Denn auch hier scheint nicht alles rund zu laufen: Während einige Praxen organisatorisch noch gar nicht so weit sind, Termine herauszugeben oder sich auf die noch ausstehende Empfehlung der Stiko berufen, sind bei anderen die Auffrischungsimpfungen schon bis zum Jahresende ausgebucht. Die Telefone laufen heiß.


„Können sich in Wilhelmshaven alle impfen lassen und in Friesland nicht?“, fragte am Samstag eine irritierte Twitter-Nutzerin und setzte drei Fragezeichen dahinter. In Wilhelmshaven scheint man sich nicht an der Stiko-Empfehlung zu orientieren. Auf der Bürgerservice-Seite der Stadt heißt es: „Wer sich gegen das Corona-Virus impfen lassen möchte, kann das künftig unkompliziert und spontan in Wohnortnähe machen. Die mobilen Teams des Gesundheitsamtes der Stadt Wilhelmshaven bieten ab Montag, 22. November, bis Weihnachten regelmäßige Impfmöglichkeiten in den vier Familienzentren an.“

Und auch in Bremen gibt es Booster für alle. „Unsere Herangehensweise begründet sich durch die Impfverordnung, nach der jede Bürgerin bzw. jeder Bürger einen Anspruch auf eine Booster-Impfung hat“, heißt es online unter www.gesundheit.bremen.de.

Es ist, seit die ersten Impfstoffe auf den Markt kamen, ein sich stets wiederholendes Muster: Erst war Impfstoff da, aber er war noch nicht zugelassen. Dann war er in Europa zugelassen, aber die Stiko war für Deutschland noch nicht soweit. Dann gab die Stiko grünes Licht, aber die EU hatte nicht genügend Impfstoff bestellt. Dann gab es Impfstoff, aber die Verteilung klappte nicht. Schließlich das Hin und Her darum, wer in welchem Alter mit welchem Impfstoff geimpft werden dürfe und wer nicht. Impfzentren wurden eröffnet, als es noch gar nichts zu verimpfen gab, und sie wurden geschlossen, just bevor der Start zur Kampagne der Drittimpfungen hätte beginnen müssen.

Nun stehen die Impfwilligen wieder da und warten ungeduldig darauf, dass die Stiko genehmigt, was die Bundesregierung längst empfiehlt. Und wenn die Genehmigung dann endlich da ist, geht der Run auf die Termine wieder los. Als hätte niemand etwas gelernt in den vergangenen zwölf Monaten.

Und bei so einem Durcheinander wundern Politik und Behörden sich dann, wie schwer es ist, Impfskeptiker zu überzeugen, dass Impfungen sinnvoll und sicher sind. Eines der größten Impfhindernisse sind – die staatlichen Institutionen in Deutschland selbst.

Ich habe meine erste und zweite Impfung übrigens, völlig unbürokratisch und vor dem in Deutschland möglichen Termin, in Frankreich bekommen. Wenn’s dumm läuft, werde ich mir auch die dritte dort abholen müssen. Dort kann man sich nämlich jetzt schon in fast jeder Apotheke „boostern“ lassen.