Wilhelmshaven - Ein Eckhaus an der Rheinstraße, nur wenige Meter vom Banter Markt entfernt. Im Erdgeschoss des Altbaus herrscht abseits der Ferien in der Mittagszeit viel Leben. Zehn Kinder im Grundschulalter verbringen hier abseits der Ferien ihre Nachmittage, jeweils von 13 bis 16 Uhr. Dabei geht es aber um mehr als nur Hausaufgabenhilfe.
Chance, Defizite aufzuholen
In diesen Räumen ist eine von drei Integrationsgruppen für Grundschulkinder im Stadtgebiet angesiedelt. Alle werden vom SOS-Kinderdorf Wilhelmshaven-Friesland betrieben. „Der Tag fängt bei uns immer mit einer warmen Mahlzeit an“, erklärt Ute Poelk, Leiterin der Integrationsgruppe Süd. Danach werden Hausaufgaben gemacht. Sind diese erledigt, ist Zeit für gemeinsame Aktivitäten: Spielen, Basteln, (Vor-)lesen und kleine Ausflüge. Was zunächst nach einer Form der Nachmittagsbetreuung klingt, ist eine Chance für die Schüler im Alter von sieben bis zehn Jahren, ihre Defizite aufzuholen. Der Kontakt zu den Familien wird durch die Schulsozialarbeiter an den Wilhelmshavener Grundschulen hergestellt.
„Viele der Kinder, die zu uns kommen, leben in Familien, in denen Zuhause wenig bis kein Deutsch gesprochen wird“, erklärt Nelly Kevlishvili, Pädagogische Bereichsleitung der Integrationsgruppen. Dabei sei Sprache wichtig, um sich im Schulalltag zurechtfinden und orientieren zu können. Wie genau der Alltag in den Gruppen gestaltet wird, orientiert sich stark an den Bedürfnissen der Kinder und den besonderen Gegebenheiten des jeweiligen Stadtteils, in dem das Angebot angesiedelt ist. Hier etwa, in Bant, ist die Zahl der Teilnehmenden mit Migrationshintergrund besonders hoch. „Der Bedarf ist riesengroß. Wir könnten quasi zehn Gruppen allein hier in Bant aufmachen“, sagt Ute Poelk. Neben pädagogischen Fachkräften kümmern sich auch Ehrenamtliche um die Kinder.
Spielerisch neue Kompetenzen erlernen
An diesem Nachmittag, dem letzten Treffen vor den Osterferien, gibt es keine Hausaufgaben. Stattdessen werden Oster- und Frühlingsdekorationen sowie kleine Geschenke für die Eltern gebastelt. Kleine Häschen aus Stoff, Fensterdekorationen aus Pappe, bunte Eier aus Bügelperlen - das macht den Kindern sichtlich Spaß. Und als dann noch ein Zeitungsredakteur reinkommt, werden die Ergebnisse der Fleißarbeit stolz gezeigt und munter erzählt, was die Gruppe so alles erlebt hat.
Neben einem großen Gruppenraum gibt es noch ein Spielzimmer und ein kleineres Zimmer für eine individuelle Betreuung. „Hier können wir uns mit einzelnen Kindern zurückziehen, wenn es in der großen Runde zu laut wird. Einige Kinder sind dort dann überreizt, können sich nicht konzentrieren. Die Ruhe ist ganz wichtig“, sagt Kevlishvili.
Bringen einige der Aktivitäten auf den ersten Blick den Kindern insbesondere Spaß, so helfen sie ihnen gleichzeitig beim Erwerb von Fähigkeiten und Kompetenzen, das Erlernen von Konfliktlösung und Teamfähigkeit. Das Proben kleiner Theaterstücke bringt Selbstbewusstsein und hilft ihnen, Texte zu merken. Kleine Experimente zeigen Grundlagen von Physik und Sachkunde. Es geht um Selbstbewusstsein, Selbstbehauptung und Selbstreflexion, aber auch darum, zu lernen, ihr schulisches Arbeitsverhalten selbst zu strukturieren. Ein Beispiel: Den Ranzen selbst packen. „Täglich gibt es eine Abschlussrunde. Dort können sie über Probleme reden. Das zu besprechen, hilft ihnen auch, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren“, erzählt Kevlishvili. Regelmäßig werden die Kinder nach Themen gefragt, welche sie besonders interessieren. Das zeigt ihnen, dass ihre Interessen und ihre Meinung wertgeschätzt werden.
„Kein verlängerter Arm der Schule“
In dieser Gruppe herrscht kein Leistungsdruck. „Wir sind kein verlängerter Arm der Schule. Wir schauen, wie es den Kindern geht, welche Schwierigkeiten sie haben, und wie wir das Beste aus ihnen herausholen können“, sagt Poelk. Dass die Kinder hier betreut werden, bedeute auch weniger Stress für die Eltern. „Gerade, wenn sie selbst noch nicht gut Deutsch sprechen können, wird der Druck für sie groß. Ihren Kindern bei Textaufgaben zu helfen, ist super schwierig“, erklärt Poelk. Mit Blick auf die Zusammensetzung der Gruppe weiß sie: „Die Mischung macht’s“. Hier sind verschiedene Nationalitäten vertreten. Berührungsängste werden durch zusammen spielen, zusammen sein und zusammen lernen abgebaut - und nebenbei wird Sprache gelernt.
