Wilhelmshaven - Sein Name hat in der Welt der klassischen Musik einen guten und weit tragenden Klang – der Dirigent Thomas Hengelbrock, ein Sohn Wilhelmshavens, wird am 9. Juni 65 Jahre alt. Noch immer hat er eine enge Beziehung zu seiner Geburts- und Heimatstadt, leben hier und in der Umgebung doch Geschwister. Deshalb kennt er sich gut mit den aktuellen Entwicklungen Wilhelmshavens aus.
Dabei hat er Wilhelmshaven bereits mit 15 Jahren verlassen. Seine Eltern Dorothea Elisabeth und Günter Hengelbrock waren beide Lehrer an der Humboldtschule, an der Thomas sein Abitur erlangen sollte. Doch dazu kam es nicht, hatte der Junge doch eine solche Leidenschaft fürs Geigenspiel entwickelt, dass er dafür sogar die Schule schwänzte und lieber zu Hause oder im „Asyl“ bei Nachbarn stundenlang übte. Angeleitet von seinen ersten Lehrern Fritz Stehr und Hermann Schmalfeld war er bald so gut, dass er sich heimlich nach Würzburg aufmachte und beim renommierten Conrad von der Goltz vorspielte, der ihn in seine Klasse aufnehmen wollte.
Als 15-Jährigerzum Musikstudium
Schmalfeld und der Musiklehrer Manfred Szobries unterstützten Hengelbrocks Entschluss und rieten seinen Eltern, dem Sohn keine Steine in den Weg zu legen. Die ließen den Jungen ziehen. „Dafür bin ich meinen Eltern noch heute dankbar“, sagt Hengelbrock, denn wer weiß, ob sich das Zeitfenster, die nötigen Fähigkeiten für eine professionelle Violinistenkarriere zu erwerben, nicht geschlossen hätte, wenn er erst fürs Abitur gelernt hätte.
Zu Manfred Szobries hält Hengelbrock noch heute freundschaftlichen Kontakt, zu diesem „unglaublich engagierten Musiklehrer“, dessen Funken der Musikbegeisterung auf ihn übergesprungen sei und in dessen Schulorchester er auch noch als Student mitgespielt habe.
Hengelbrock war nicht der einzige Wilhelmshavener aus dieser Generation, die es als Musiker zu etwas gebracht haben. Doch hat er unbestritten die wohl größte Karriere gemacht. Nach seinem Violin-Studium bei Conrad von der Goltz von 1975 bis 1979 wechselte er zu Rainer Kussmaul an die Musikhochschule Freiburg und kam hier mit der historischen Aufführungspraxis näher in Berührung.
Historische
Aufführungspraxis
Kussmaul und andere befassten sich intensiv mit der Barockzeit und dem damaligen Instrumentenbau, um den Intentionen der Komponisten nachzuspüren und dem damaligen Original näherkommen zu können. Dies wurde zum Leitmotiv des von Studenten gegründeten Freiburger Barockorchesters, dem Hengelbrock bis 1997 als Geiger und Dirigent angehörte.
Zwischenzeitlich war er aber auch Konzertmeister der Jungen Deutschen Philharmonie und musizierte mit dem Kölner Kammerorchester, dem Stuttgarter Bach-Kollegium und den Amsterdamer Bachsolisten.
1991 gründete Thomas Hengelbrock, der seinen Schwerpunkt nun mehr aufs Dirigieren verlegte, den Balthasar-Neumann-Chor und 1995 das Balthasar-Neumann-Orchester, benannt nach einem berühmten Barock-Architekten. Deren Schwerpunkt war zunächst die historische Aufführungspraxis von Werken der Barockzeit, sie erarbeiteten sich aber mit den Jahren ein breites Repertoire bis zur Gegenwartsmusik. Mit diesen international zusammengesetzten Ensembles ist er heute in Konzerthäusern und Festspielorten engagiert, neben seinen Verpflichtungen als Gastdirigent.
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen berief ihn 1995 zu ihrem künstlerischen Leiter, im Jahr 2000 wechselte er als Musikdirektor an die Volksoper in Wien. In jenem Expo-Jahr gastierte er in seiner Heimatstadt, dem Expo-Außenstandort Wilhelmshaven, zusammen mit dem österreichischen Schauspieler Klaus Maria Brandauer mit einer musikalischen Lesung von Peer Gynt mit den Kompositionen von Edvard Grieg.
Weitere Stationen waren unter anderem die Zusammenarbeit mit der Ballett-Choreografin Pina Bausch an der Pariser Oper, die Zusammenarbeit mit dem Konzerthaus Dortmund und die Mitwirkung am „Tannhäuser“ bei den Bayreuther Festspielen.
Eröffnungskonzertder „Elphi“ dirigiert
In der Spielzeit 2011/12 folgte Hengelbrock den Fußstapfen Christoph von Dohnanyis als Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters, mit dem er 2017 die Elbphilharmonie eröffnete. 2018 schied er, ein Jahr früher als beabsichtigt, aus. Grund war für ihn die vorzeitige Bekanntgabe seines Nachfolgers, die seinen Abgang, wie er es empfand, in ein schiefes Licht rückte. Künstlerische Auffassungsunterschiede mögen ihn aber grundsätzlich zum Abschied bewogen haben. Seitdem arbeitet er als Gastdirigent mit europäischen Spitzenorchestern zusammen.
Hengelbrock rief die Balthasar-Neumann-Akademie als eine Institution für Nachwuchsförderung ins Leben. Sie umfasst ein Stipendienprogramm für junge Musiker, die Cuban-European Youth Academy und Musikvermittlungsprojekte. Die Schlossdirektion des Chateau de Fontainebleau hat Thomas Hengelbrock und seine Balthasar-Neumann-Ensembles eingeladen, eine künstlerische Residenz in Fontainebleau anzutreten und ein neues, zukunftsweisendes Musikprojekt ins Leben zu rufen. Im Oktober 2020 wurde die Residenz eingeweiht, seit 2021 steht sie unter der Schirmherrschaft der UNESCO.
Hengelbrock ist mehrfacher Echo-Preisträger, bekam den schleswig-holsteinischen Brahms-Preis, den Herbert-von-Karajan-Preis der Kulturstiftung Festspielhaus Baden-Baden und den Praetorius-Musikpreis des Landes Niedersachsen. Die Fachpresse würdigt sein epocheübergreifendes Repertoire, seine Bereitschaft zu Uraufführungen zeitgenössischer Musik und sein Bemühen um Nachwuchsförderung.
„Jetzt geht eserst richtig los“
Aktuell bereitet sich der Künstler auf die Festspiele ab Ende Juni in Aix-en-Provence mit seinen Balthasar-Neumann-Ensembles vor, wo er die Mozart-Oper „Cosi fan tutte" dirigiert.
Hengelbrock ist seit zwölf Jahren in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Johanna Wokalek verheiratet und lebt in seiner Wahlheimat Paris, der „Hauptstadt Europas“, kulturell wie politisch, wie er sagt. Er hat drei Söhne, zwei aus erster Ehe. Nah am „Rentenalter“, denkt er nicht ans Aufhören. „Ich habe das Gefühl: Jetzt geht es erst richtig los.“
