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INTERVIEW „Vor allem Eltern drängen auf Noten“

Heidemarie Wachtel und Manfred Vetterlein sind die Sprecher der Wilhelmshavener Grundschulen. Sie sagen: Vor allem Eltern drängen auf Zensuren.

Von Martin Wein

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Frage:

Mit dem Schuljahr beginnt auch die Diskussion über eine gerechte Leistungsbewertung erneut. In der Grundschule gibt es in den ersten zwei Jahren Leistungsberichte, danach Zensuren. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Vetterlein:

Viele Eltern und Kinder können mit der Bewertung nichts anfangen. Die fragen immer wieder nach: Was wäre das in Noten? Deshalb haben viele Schulen Zeugnisgespräche eingeführt, um deutlich zu berichten. Die Zeugnisse schreiben wir dagegen sehr positiv. Wir schreiben, was die Kinder können. Was sie nicht können, schreiben wir nicht.

Frage:

Was steckt dahinter? Reicht die Leistungsgesellschaft bis in die Grundschule?

Wachtel:

Es steht oft das Ziel dahinter, einen besonderen Schulabschluss zu schaffen. Viele wollen ihr Kind anleiten, aber auch mehr oder weniger sanft drängen.

Vetterlein: Im letzten Jahr trugen einige Kinder zur Einschulung T-Shirts mit dem Aufdruck „Abi 2018“. Das sagt schon viel über den Erwartungshorizont ihrer Familien.

Frage:

Nun gibt es in der Schule nach herkömmlichem Verständnis wenige sehr gute, viele befriedigende und – hoffentlich – wenige schlechte Schüler. Eigentlich sollten doch alle das Klassenziel erreichen?

Vetterlein:

Diese Gaus'sche Normalverteilung haben wir vor vielen Jahren im Studium behandelt. In der Praxis spielt sie keine Rolle. In Wilhelmshaven haben wir für alle Grundschulen etwa einen Schlüssel für Deutsch und Mathematik entwickelt, nach dem wir Leistungen bewerten. Der steht vorher fest. Es können damit theoretisch alle eine 1 oder eine 5 bekommen.

Frage:

Der Fall einer Lehrerin ging durch die Medien, die wegen zu guter Leistungen ihrer Schüler mehrfach versetzt wurde. Weichen die Schnitte Ihrer Klassen vom Durchschnitt ab?

Vetterlein:

Wir haben im Sommer in einer Klasse zwölf Gymnasial-Empfehlungen gehabt, in der Parallelklasse dagegen nur vier.

Frage:

Noten erhöhen zwangsläufig den Leistungsdruck der Kinder untereinander. In Berlin gibt es ab diesen Herbst Modellschulen, die ohne Noten arbeiten wollen. Auch an der IGS in Wilhelmshaven gibt es zunächst keine Zensuren.

Wachtel:

Die IGS feiert damit große Erfolge. Dort wird das System auch von den Eltern akzeptiert. Ganz ohne Bewertung geht es natürlich nicht.

Vetterlein: Man kann mit Noten aber auch motivieren. Ich – und andere tun das sicher auch – lasse schon mal eine Arbeit schreiben, die so leicht ist, dass auch die nicht so guten Schüler mal eine 2 schreiben. Einfach für das Erfolgserlebnis. Es ist sicher deprimierend für einen Grundschüler, wenn er nur Vieren und Fünfen bekommt.

Wachtel:

Wobei man den Spielraum der pädagogischen Vier nicht außer Acht lassen sollte.

Frage:

Also eher keine Fünf oder Sechs?

Vetterlein:

In der Ausnahme schon. Da wir die Notenskala haben, sollten wir sie auch anwenden. Gen

auso falsch war früher die Ansicht von Kollegen, keine Eins zu geben. Dazu müssten die Schüler praktisch besser sein als der Lehrer. Das ist natürlich sehr fragwürdig. Ich habe andererseits mit Schülern schon ernsthaft diskutiert, ob sie ihre Eins wirklich haben wollen. Wir haben festgestellt, dass es gerade am Gymnasium vereinzelt Kollegen gibt, die die sehr Guten besonders hart rannehmen. So nach dem Motto: Ich will dir mal zeigen, was ’ne Harke ist.

Frage:

Wird überhaupt viel diskutiert über Zensuren?

Wachtel:

Die Guten können sich meist sehr gut einschätzen. Wenn sie allerdings sehr zielstrebig sind, verlieren sie schon mal das Augenmaß. Die Einschätzung, dass man für ein „Sehr gut“ etwas mehr als das Abfragewissen vorweisen sollte, fehlt ihnen noch. Leistungsschwache überschätzen sich oft hoffnungslos.

FragE:

Nach den Abiturzeugnissen gehen ganze Klagewellen durchs Land. Mit dem Wegfall der Orientierungsstufe sind Sie auch an die Front gerückt.

Vetterlein:

Wir merken den Druck deutlich. Wenn unsere Empfehlungen in Klasse 4 anders ausfallen als erhofft, wird um Zensuren teilweise massiv gefeilscht. In diesem Jahr hatte ich drei, vier Fälle. Eine Mutter sagte sogar: Ich brauche ein neues Zeugnis!

Frage:

Gäbe es Optimierungsbedarf am bestehenden System?

Vetterlein:

Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich keine Noten geben müsste. Von der Pädagogik brauchen wir sie nicht. Aber mir ist klar, dass wir da nicht hinkommen werden. Die Wirtschaft hätte am liebsten schon im Kindergarten Zensuren.
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