wilhelmshaven
Vor einhundert Jahren eröffnete der bis dahin selbstständige Handwerksmeister Wilhelm Heinken sein letztes, von ihm gebautes Haus, unter dem Namen „Siebethsburger Hof“ als Familien- und Ausflugslokal.Weitab vom Stadtkern, umgeben von Wiesen und Feldern, wurde es zu einem beliebten Ausflugsziel für die Wilhelmshavener. Der 1914 kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges angebaute Tanzsaal erhöhte die Attraktivität des „Tanz- und Gesellschaftshauses mit eigener Destillation“, so die Firmierung zu der Zeit. Im Garten standen Turngeräte für die Kinder, es gab einen Affenkäfig und ein Karussell.
Nach dem Krieg ging der Charakter des reinen Ausflugslokals immer mehr verloren, da sich die Stadt immer weiter ausbreitete. Anfang der dreißiger Jahre wurde das Lokal umfassend renoviert und blieb weiterhin ein beliebtes Tanzlokal. Schon damals war der „Siebethsburger Hof“ ein beliebtes Vereinslokal, so auch vom Arbeiter Turn- und Sportverein „Germania“.
Den Zweiten Weltkrieg überstand das große Haus, in dem die gesamte Familie Heinken wohnte, relativ unbeschadet und diente darum auch als Notunterkunft für ausgebombte Familien.
Am 27. August 1945 wurde das Lokal von den Engländern beschlagnahmt und musste innerhalb weniger Stunden geräumt werden. Unter dem Namen „Harboard-Light-Club“ nutzten es die englischen Besatzer als Shop und für ihr geselliges Beisammensein. Das grüne Licht einer Laterne vor dem Haus, das „Starboard Light“, wies ihnen den Weg. Mehr als vier Jahre später, am 27. Oktober 1949, konnte der inzwischen 76-jährige Wilhelm Heinken sein Haus wieder übernehmen.
Es war in schlechten Zustand, vom Geschirr und den Gläsern war kaum etwas übrig. Doch nach umfangreichen Renovierungsarbeiten konnten Bierhalle, Tanzsaal und Klubzimmer wieder in Betrieb genommen werden.
Gemeinsam mit seinem Enkel, Harro Köhn, bewältigte der Inhaber nun das Geschäft. Die bei einem Brand zerstörte Kegelbahn wurde nicht wieder aufgebaut und auch auf den „Familiengarten“ verzichtete man, weil der Siebethsburger Hof als Ausflugslokal kaum noch in Betracht kam. 1955 wurde eine Wandmalerei über der Tanzfläche angebracht, sie zeigte die Siebethsburg oder das, was sich der Maler Hauschild darunter vorgestellt hatte.
1956 übernahmen Harro Köhn und seine Frau Wilma, die sich übrigens nicht im „Siebethsburger Hof“ sondern in der „Elisenlust“ kennen gelernt hatten, den Betrieb vom Großvater. „Viele Hochzeiten und auch viele Richtfeste haben wir ausgerichtet“, erinnert sich Wilma Köhn.
Festessen waren meist Sahnetorten, Kartoffelsalat mit Wurst oder Schnitzel oder Mockturtel und Schnittchen. Die Leute waren arm. Trotzdem seien sie oft auf ein Bier in die Wirtschaft gekommen, öfter als heute, so Wilma Köhn, die immer hinterm Tresen stand, während ihr Mann kochte.
Wöchentlich fanden Tanzgesellschaften statt, auch zu Ostern, Weihnachten und Silvester, und am 1. Mai sowieso. Die drei Kinder der Familie Köhn wuchsen sozusagen nebenbei auf. Ein Grund, warum die Familie das Lokal 1963 verpachtete und nach Friedeburg zog.
Der damalige Pächter renovierte die Discothek neu. „Ganz toll für damalige Verhältnisse, mit roten Sofas, künstlichen Grünpflanzen, weißen Wänden und einem Aquarium“, erinnert sich Wilma Köhn. „Die ,Discothek Palazzo‘ war wegen der guten Musik sehr beliebt. Da war jeden Abend was los, das ist mit heute nicht zu vergleichen.“
Seit 1991 ist das stadtbekannte Haus ein Baudenkmal. Das bedeutet, dass die Fassade künftig unverändert bleibt. Ein Blitzschlag zerstörte 1997 den Turm. Er wurde originalgetreu wieder aufgebaut.
An einer alten Fenstersprosse entdeckten die Bauarbeiter folgende Inschrift: „G. Gerdes, Tischler, geboren am 6. Juni 1885 zu Banterdeich, Gemeinde Neuende. Zur Zeit Rüstersiel, Gemeinde Neuende, Amt Rüstringen Großherzogtum Oldenburg. 16. Januar 1906.“
