Wilhelmshaven
„Welchen Schulabschluss soll Ihr Kind erreichen?“ Die junge Frau runzelt die Stirn, als sie die Frage aus dem Formular des Jugendamts vorliest. „Abitur natürlich“, sagt sie betroffen und senkt verzweifelt den Kopf: Sie befürchtet, ihr Sohn könnte am Ende ganz ohne Schulabschluss dastehen.Er ist Legastheniker – so wie rund vier Millionen Menschen in Deutschland. Der Junge verdreht Silben, vertauscht Buchstaben. Das Dehnungs-H oder Wortendungen existieren in seinem Kopf nicht. Abschreiben aus Büchern oder von der Schultafel gelingt nur mit vielen Fehlern.
Jetzt wird der Fragebogen darüber entscheiden, ob das Jugendamt eine Therapie für den Jungen finanziert. „Diese kann teuer sein. Und Krankenkassen tragen die Kosten nicht, da Legasthenie in Deutschland nicht als Krankheit anerkannt ist“, erklärt Alexandra Weinberg-Büsing, Vorsitzende des Kreisverbandes Legasthenie und Dyskalkulie Wilhelmshaven. Sie hat bereits vielen überforderten Eltern beim Ausfüllen des Fragebogens geholfen.
Der Bedarf ist groß: „In jeder Schulklasse sitzt statistisch gesehen ein Legastheniker.“ Schulen könnten die spezielle Förderung der Betroffenen kaum leisten. Trotzdem macht die Vorsitzende Mut: „Selbst Albert Einstein, Winston Churchill und Leonardo Da Vinci hatten damit zu kämpfen.“
Selbstvertrauen aufbauen, Mut machen, das seien die wichtigsten Dinge, die Betroffene lernen müssten. Weinberg-Büsing ist selbst Mutter eines Legasthenikers und hat erlebt, dass tägliches Lernen nicht zum Lebensinhalt werden sollte, sondern die anderen Talente der Kinder gefördert werden müssen. „In einem geübten Diktat hat mein Sohn das Wort Fahrrad zehnmal falsch geschrieben – in zehn verschiedenen Versionen.“ Aber ein Tüftler und Erfinder sei er. Sein Steckenpferd: Computerprogramme, die er selbst entwickelt.
Heute ist Weinberg-Büsings Sohn 16 Jahre alt und kann mit seiner Legasthenie umgehen. Eselsbrücken helfen beim Lesen und Schreiben von Texten, die er früher einfach auswendig gelernt hat, um seine Schwäche zu verbergen.
Einmal im Monat bietet der Kreisverband eine Sprechstunde für Betroffene an. Die Kinder der Mitglieder sind Legastheniker oder leiden unter der Rechenstörung Dyskalkulie, bei der die Betroffenen große Probleme bereits bei einfachen Rechenaufgaben haben. Viele Eltern sind anfangs überfordert mit der Situation und bekommen oft Vorurteile zu spüren: Die Kinder seien begriffsstutzig, faul und dumm, heißt es dann.
Legasthenie ist Folge einer Funktionsschwäche des Lese- Schreibzentrums im Gehirn. Mit mangelnder Intelligenz habe diese Störung nichts zu tun, sagt Weinberg-Büsing. „In der Selbsthilfegruppe bekommen sie Unterstützung und oft zum ersten Mal Verständnis für ihre Probleme.“
Im Gegensatz zur Lese- und Rechtschreibschwäche sei Legasthenie nicht heilbar, erklärt die Vorsitzende, man könne nur die Symptome lindern. Gerade deshalb fordert der Kreisverband Legasthenie und Dyskalukulie seit Jahren Chancengleichheit für betroffene Schüler. In Niedersachsen gibt es bislang nur Nachteilsausgleiche für Legastheniker bis zur 10. Klasse.
Ein erster Meilenstein sei inzwischen erreicht: Das Verwaltungsgericht Kassel hat im März 2006 einem Abiturienten, der eine Lese-Schreibstörung hat, Anspruch auf Schreibzeitverlängerung für die Abiturprüfungen zuerkannt.
Das Gericht beruft sich dabei auf das Grundgesetz und Recht auf Chancengleichheit auch für Menschen mit Behinderungen. „Legasthenie ist eine Behinderung“, sagt Weinberg-Büsing. Mit dem Kasseler Urteil hoffen sie und andere betroffene Eltern in Niedersachsen, dass auch sie für die restlichen Schuljahre Notensicherheit und Schreibzeitverlängerung einfordern können.
Aber auch nach der Schule geht der Kampf mit den Buchstaben oder Zahlen weiter – spätestens beim Schreiben von Bewerbungen oder während eines Einstellungstests. Auch da wünschen sich Betroffene mehr Gerechtigkeit.
VON STEPHAN GIESERSWilhelmshaven
„Welchen Schulabschluss soll Ihr Kind erreichen?“ Die junge Frau runzelt die Stirn, als sie die Frage aus dem Formular des Jugendamts vorliest. „Abitur natürlich“, sagt sie betroffen und senkt verzweifelt den Kopf: Sie befürchtet, ihr Sohn könnte am Ende ganz ohne Schulabschluss dastehen.Er ist Legastheniker – so wie rund vier Millionen Menschen in Deutschland. Der Junge verdreht Silben, vertauscht Buchstaben. Das Dehnungs-H oder Wortendungen existieren in seinem Kopf nicht. Abschreiben aus Büchern oder von der Schultafel gelingt nur mit vielen Fehlern.
Jetzt wird der Fragebogen darüber entscheiden, ob das Jugendamt eine Therapie für den Jungen finanziert. „Diese kann teuer sein. Und Krankenkassen tragen die Kosten nicht, da Legasthenie in Deutschland nicht als Krankheit anerkannt ist“, erklärt Alexandra Weinberg-Büsing, Vorsitzende des Kreisverbandes Legasthenie und Dyskalkulie Wilhelmshaven. Sie hat bereits vielen überforderten Eltern beim Ausfüllen des Fragebogens geholfen.
Der Bedarf ist groß: „In jeder Schulklasse sitzt statistisch gesehen ein Legastheniker.“ Schulen könnten die spezielle Förderung der Betroffenen kaum leisten. Trotzdem macht die Vorsitzende Mut: „Selbst Albert Einstein, Winston Churchill und Leonardo Da Vinci hatten damit zu kämpfen.“
Selbstvertrauen aufbauen, Mut machen, das seien die wichtigsten Dinge, die Betroffene lernen müssten. Weinberg-Büsing ist selbst Mutter eines Legasthenikers und hat erlebt, dass tägliches Lernen nicht zum Lebensinhalt werden sollte, sondern die anderen Talente der Kinder gefördert werden müssen. „In einem geübten Diktat hat mein Sohn das Wort Fahrrad zehnmal falsch geschrieben – in zehn verschiedenen Versionen.“ Aber ein Tüftler und Erfinder sei er. Sein Steckenpferd: Computerprogramme, die er selbst entwickelt.
Heute ist Weinberg-Büsings Sohn 16 Jahre alt und kann mit seiner Legasthenie umgehen. Eselsbrücken helfen beim Lesen und Schreiben von Texten, die er früher einfach auswendig gelernt hat, um seine Schwäche zu verbergen.
Einmal im Monat bietet der Kreisverband eine Sprechstunde für Betroffene an. Die Kinder der Mitglieder sind Legastheniker oder leiden unter der Rechenstörung Dyskalkulie, bei der die Betroffenen große Probleme bereits bei einfachen Rechenaufgaben haben. Viele Eltern sind anfangs überfordert mit der Situation und bekommen oft Vorurteile zu spüren: Die Kinder seien begriffsstutzig, faul und dumm, heißt es dann.
Legasthenie ist Folge einer Funktionsschwäche des Lese- Schreibzentrums im Gehirn. Mit mangelnder Intelligenz habe diese Störung nichts zu tun, sagt Weinberg-Büsing. „In der Selbsthilfegruppe bekommen sie Unterstützung und oft zum ersten Mal Verständnis für ihre Probleme.“
Im Gegensatz zur Lese- und Rechtschreibschwäche sei Legasthenie nicht heilbar, erklärt die Vorsitzende, man könne nur die Symptome lindern. Gerade deshalb fordert der Kreisverband Legasthenie und Dyskalukulie seit Jahren Chancengleichheit für betroffene Schüler. In Niedersachsen gibt es bislang nur Nachteilsausgleiche für Legastheniker bis zur 10. Klasse.
Ein erster Meilenstein sei inzwischen erreicht: Das Verwaltungsgericht Kassel hat im März 2006 einem Abiturienten, der eine Lese-Schreibstörung hat, Anspruch auf Schreibzeitverlängerung für die Abiturprüfungen zuerkannt.
Das Gericht beruft sich dabei auf das Grundgesetz und Recht auf Chancengleichheit auch für Menschen mit Behinderungen. „Legasthenie ist eine Behinderung“, sagt Weinberg-Büsing. Mit dem Kasseler Urteil hoffen sie und andere betroffene Eltern in Niedersachsen, dass auch sie für die restlichen Schuljahre Notensicherheit und Schreibzeitverlängerung einfordern können.
Aber auch nach der Schule geht der Kampf mit den Buchstaben oder Zahlen weiter – spätestens beim Schreiben von Bewerbungen oder während eines Einstellungstests. Auch da wünschen sich Betroffene mehr Gerechtigkeit.
