Wilhelmshaven - Mit seiner Erzähl- und Rezitier-Stimme nimmt er es ganz genau, mit Zahlen geht er großzügiger um: So zwischen 300 und 400 Exemplare umfasse seine Weihnachtsbuchsammlung, verkündet Ludger Abeln am Samstagabend seinem Publikum stolz. In der „Ruscherei“ ist er zu Gast, ein Stammgast quasi zur Weihnachtszeit, am liebsten recht kurz vor dem Fest. Eingeladen haben der „Förderverein der Ruscherei“ und die „Zukunftswerkstatt Wilhelmshaven“.
48 Geschichten zum Preis von 24
Zum achten oder neunten Mal ist er nun erschienen, um treue Fans und Menschen, denen die Weihnachtszeit ebenso sehr am Herzen liegt wie ihm, mit Geschichten zu erfreuen. Vielleicht ist es auch das zehnte Mal. Der gebürtige Emsländer hat trotz seiner Karriere als Moderator, Redakteur, Autor und Sprecher den Kontakt zu seiner ostfriesischen Heimat stets im Blick behalten, ja, sie sogar einfließen lassen in seine Arbeit und seine Themen.
Nicht wenige Besucher sind auch genau deshalb gekommen: Sie wissen um Abelns Verbundenheit mit der plattdeutschen Sprache und sie wissen, dass er an diesem Abend noch liefern wird. Schließlich hat er in seinem selbst verfassten Weihnachtsbuch sämtliche 24 Geschichten sowohl in Hochdeutsch als auch op Platt veröffentlicht.
Besondere Erlebnisse als Inspiration
Und dann geht’s los, den Auftakt macht Horst Evers‘ Geschichte „Romantik“, die einen phänomenalen Endlossatz enthält, dem der routinierte Sprecher sich aber locker gewachsen zeigt. Mal gibt es eigene Texte, mal Lieblingsstücke von anderen Autoren, darunter gar zwei Morde: „Es heißt ja nicht, dass alle Weihnachtsgeschichten schön sein müssen“.
„Verwandtenbesuch in Iowa“ stammt aus Abelns eigener Feder, inspiriert hatte ihn die Begegnung mit aus den USA angereisten Zwillingsschwestern, die sich auf die Spuren ihrer norddeutschen Vorfahren begeben hatten und das Platt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sprachen, das die Auswandererfamilien ohne Einflüsse sprachlicher Neuerungen weiter pflegten. Den Dollar haben die Amerikaner übrigens tatsächlich den Ostfriesen zu verdanken, abgeleitet von „een Doler“ („ein Taler“), das hatte Ludger Abeln gründlich recherchiert.
Abeln zeigt sich als sprachlicher Tausendsassa
Überhaupt erfährt man, neben wilden Weihnachtsfeiern und wüsten Festen, auch so einiges Persönliche von ihm. So fand er als Junge seinen Vornamen gar nicht toll, hat dann später aber seinen Frieden mit ihm gemacht, als er sich dessen Seltenheit bewusst wurde. Legendär, und deshalb auch bei der Lesung absolut hörens- und gar sehenswert, bleibt die Geschichte vom Pastor, der sich mit laufender Nase über den Weinkelch beugte. Abeln wurde daraufhin im jungen Alter zum Abstinenzler, bis weit in die Teenagerzeit hinein, aber die Nachahmung jener Szene bereitet nicht nur dem Publikum, sondern auch ihm selbst viel Spaß.
Ekel hatte auch der Spucknapf des priemkonsumierenden Großvaters hervorgerufen, den der Autor aus seinen Erinnerungen wieder hervorholte: „Es ist auch ganz schön, wenn man Sachen, die man als Kind nicht so geblickt hat, später in einer Geschichte verarbeiten kann.“ Als Überraschung verliest Abeln einen bekannten Weihnachtsaufsatz eines Schülers mit bayerischem Dialekt und torkelt verbal immer trunkener von Weihnachtsmarkt zu Weihnachtsmarkt. Er ist halt ein sprachlicher Tausendsassa.
