Die Sorge bei den Suchtpatienten in Wilhelmshaven wächst von Tag zu Tag. Sie befürchten, künftig nicht mehr vor Ort mit Methadon versorgt zu werden.
Von Stephan GiesersWilhelmshaven
Auf einmal sind sie wieder da. Die Entzugserscheinungen. Körperliche Schmerzen, Herzrasen, kalter Schweiß auf der Stirn. „Man kann nicht laufen, nicht sitzen. Nicht schlafen, nicht stehen“, sagt Ellen W. „Es ist wie eine Krankheit – nur viel schlimmer.“„Affig sein“, sagen Drogenabhängige dazu. Und Ellen W. kennt dieses Gefühl nur zu gut. Seit sechs Jahren bekommt die 41-Jährige die Ersatzdroge Methadon. Täglich 13 Milliliter. Doch neulich stand sie vergeblich in der Schlange vor der Vergabestelle im ehemaligen Recyclinghof. Einbrecher hatten in der Nacht zu Montag die Ersatzdrogen gestohlen, auf die Menschen wie Ellen W. angewiesen sind.
Der Einbruch in die Methadon-Vergabestelle hat es den Betroffenen noch einmal schlagartig vor Augen geführt. Ohne ihre Tagesdosis geht es nicht. Sie befürchten, dass dieser Zustand schon bald dauerhafte Realität werden könnte: die Zukunft der Methadonversorgung in Wilhelmshaven ist ungewiss.
Hausarzt Dr. Matthias Abelmann, einer der substituierenden Ärzte, hat angekündigt, die Vergabe einzustellen. „Es ist einfach nicht mehr zu schaffen“, sagt er. Täglich kämen um die vier Drogenabhängige in seine Praxis, die ins Methadonprogramm aufgenommen werden wollen. „Keine Chance.“
Zu wenig Kollegen seien bereit, sich an der Vergabe zu beteiligen. „Wenn es in Wilhelmshaven keinen Augenarzt oder Orthopäde geben würde, wäre das Geschrei groß“, so Abelmann. In der Pflicht sei die Kassenärztliche Vereinigung.
Mit jedem Tag der Ungewissheit wächst die Sorge bei den Suchtpatienten, künftig nur noch in Oldenburg ihr Methadon zu bekommen. „Die Fahrkarten für den Zug nach Oldenburg könnte ich nicht bezahlen“, sagt Ellen W.. Am Nachmittag sitzt sie auf der Couch neben ihrem Lebensgefährten Ralf D. – ebenfalls ehemaliger Junkie. Beide haben inzwischen ihre Dosis Methadon bekommen. Die Hände von Ellen W. zittern trotzdem: „Die Drogendealer freuen sich schon“, sagt sie und befürchtet, dass viele Betroffene rückfällig werden könnten.
Früher konsumierte die 41-Jährige Heroin. „Vielleicht zwei Monate, nicht länger“, erzählt sie. „Ich habe das Zeug geraucht, spritzen wollte ich anfangs nicht.“ Das hätte gereicht, um in wenigen Tagen abhängig zu werden. Ihr Ex-Mann hatte sie dazu überredet. „Das ist ein tolles Gefühl“, versprach er damals.
Zu dieser Zeit lebte Ellen W. in Aurich. Als sie ihren Sohn zur Welt brachte, fasste sie den Entschluss: Nie mehr Heroin. Sie bekam zum ersten Mal Methadon, unterzog sich zweimal einer Entziehungskur. Zweimal wurde sie rückfällig.
„Manche besorgen sich Ersatzdrogen auf dem Schwarzmarkt“, weiß Ellen W.. Mit Morphiumpflastern halten sie sich zum Beispiel über Wasser – „30 Euro das Stück.“ Oder mit dem Ersatzmedikament Subutex – „15 Euro pro Tablette“.
Auch ihr Lebensgefährte Ralf D. kennt diesen Teufelskreis. Durch den Heroinkonsum verlor er seinen Führerschein und die Arbeit als Lkw-Fahrer. Die Beschaffungskriminalität brachte ihn 1994 ins Gefängnis. Insgesamt dreieinhalb Jahre musste er absitzen. Im Gefängnis bekam er Methadon, konnte wieder arbeiten und schaffte es sogar zum Vorarbeiter.
„Methadon ist eine Medizin“, sagt Ralf D. „Wir haben ein Recht darauf.“
Unterdessen hat Matthias Abelmann am Freitag mitgeteilt, nicht wie angekündigt zum 1. Dezember die Versorgung der Suchtpatienten mit der Ersatzdroge Methadon einstellen. Es gibt eine letzte Schonfrist: „Sollten sich die Arbeitsbedingungen nicht bald verbessern, ist spätestens Ende des Jahres Schluss“, so Abelmann. Eine langfristige Lösung sei nach einem Gespräch mit Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung am Donnerstagabend weiterhin nicht in Sicht.
