Hausarzt Matthias Abelmann droht damit, die Methadonausgabe einzustellen – sollte sich die Versorgung nicht verbessern. Patienten müssten dann täglich bis nach Oldenburg fahren.
Von Stephan GiesersWilhelmshaven
„Du bist ja spät dran, sonst bist Du doch immer einer der Ersten“, ruft eine junge Frau und grüßt freundlich, als sich ein Mann in die Warteschlange einreiht. Es ist kalt. Die Hände hat sie deshalb tief in ihren Jackentaschen vergraben.Die Frau ist drogenabhängig, hat sich früher Heroin gespritzt. Heute bekommt sie das flüssige Ersatzmedikament Methadon. Jeden Morgen ab 7 Uhr, wenn es noch dunkel ist, wartet sie mit 19 weiteren Suchtpatienten auf dem Flur des alten Recyclinghofes an der Admiral-Klatt-Straße auf die Ausgabe ihrer Tagesdosis. Andere bekommen Ersatzmittel in Tablettenform. Oder das Medikament Polamidon – eine rote Flüssigkeit.
Die Allgemeinmediziner Matthias Abelmann und Valtentina Gradwohl kümmern sich zurzeit im Wechsel um den größten Teil der Drogenpatienten in Wilhelmshaven, die seit Juni in die Admiral-Klatt-Straße kommen. Mediziner sprechen von Substitution. Andere wiederum dürfen ihre Wochenration mit nach Hause nehmen und werden direkt in den Praxen der Hausärzte betreut. Die Zukunft der Substitution sieht aber schlecht aus. Abelmann und Gradwohl können die Versorgung kaum alleine bewältigen, ohne die eigenen Praxen zu vernachlässigen.
Weitere Hausärzte wollen sich derzeit nicht beteiligen. „Viele Kollegen in der Region haben das Handtuch geworfen“, weiß Abelmann, der an diesem Morgen für den Dienst im alten Recyclinghof eingeteilt ist. Er trägt Jacke und Schal. „Die Heizung funktioniert hier nur selten“, sagt der Mediziner. Das Zimmer hat die Stadt für die Substitution bereit gestellt. Hier müssen die Suchtkranken unter Aufsicht ihre Ersatzstoffe einnehmen. Es gibt einen Tisch und zwei Stühle. An der Wand steht ein massiver Tresor, in dem die Ampullen sicher lagern.
Nicht nur der Raum bereitet Abelmann Sorge. „Wenn nicht schnell eine dauerhafte Lösung gefunden wird, werde ich aufhören“, sagt er. Sollte dieser Fall eintreten, müssten die Suchtpatienten täglich bis nach Oldenburg fahren. „Eigentlich unmöglich“, sagt Abelmann und befürchtet eine hohe Rückfallquote und Zunahme der Beschaffungskriminalität.
Schon im Dezember 2008 warnte der Mediziner vor einer Versorgungslücke, nachdem ein Schortenser Arzt für die Methadonausgabe nicht mehr zur Verfügung stand (die NWZ berichtete). „Alle sagen, Substitution sei wichtig und nötig. Aber keiner ist bereit, etwas dafür zu tun“, kritisiert Abelmann und sieht die Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in der Pflicht, die für die Sicherstellung der wohnortnahen Methadon-Versorgung zuständig ist. Auch die Kommune müsste sich nach Auffassung Abelmanns stärker beteiligen und nochmals auf das städtische Reinhard-Nieter-Krankenhaus einwirken, das sich derzeit nicht an der Substitution beteiligen wolle. Die KV sieht indes keine Möglichkeit für eine schnelle Lösung. „Wir können nur an alle Hausärzte und andere Institutionen appellieren, sich an der Methadon-Versorgung zu beteiligen“, sagt Geschäftsführer Helmut Scherbeitz. Aber kein Arzt könne dazu verpflichtet werden. Matthias Abelmann bezweifelt, dass sich ausreichend Hausärzte zur Mitarbeit bereit erklären, so lange sich nicht die Rahmenbedingungen ändern. „Die Suchtpatienten haben keine Lobby“, sagt er nach dem Dienst im alten Recyclinghof und packt seine Arzttasche, um schnell in die Praxis zu kommen. Es ist kurz vor 8 Uhr – Beginn seiner eigentlichen Sprechstunde.
