Wilhelmshaven - Das Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung (NIhK) kann sich mit drei europäischen Partner-Institutionen freuen: Für das Projekt „Subnordica“ erhalten die Wissenschaftler eine Förderung mit EU-Mitteln in Höhe von rund 13,2 Millionen Euro aus dem „ERC Synergy Grant“ des europäischen Forschungsrats. „Das ist für uns eine riesige Sache“, betont Prof. Dr. Felix Bittmann als geschäftsführender Leiter des NIhK, der mit Prof. Dr. Hauke Jöns die Doppelspitze des Instituts bildet. „Subnordica“ ist auf einen Zeitraum von sechs Jahren angelegt und wird in Zusammenarbeit mit der Universität von Bradford, der Universität von Aarhus und der archäologischen Abteilung des Moesgaard Museum im dänischen Hojbjerg durchgeführt.

Bei „Subnordica“ geht es, grob erklärt, um die Hebung eines archäologischen Wissensschatzes, der unter dem Meeresboden in Nord- und Ostsee begraben liegt. Denn vor rund 20.000 Jahren, in der letzten Eiszeit, lag der Meeresspiegel gut 130 Meter niedriger als heute. Mit der Erwärmung nach den Eiszeiten stieg die Wasserlinie und schätzungsweise 20 Millionen Quadratkilometer Land gingen verloren – große Gebiete zwischen den Küstenregionen des europäischen Festlandes und den britischen Inseln, die zwischen dem 10. und 5. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung noch attraktive Lebensräume für steinzeitliche Jäger, Sammler und Fischer bildeten.

Mit dem Meerwasser kamen über Jahrtausende auch meterhohe Schichten von Ablagerungen, welche Spuren von frühen Siedlungen und Lagerplätzen der mittleren Steinzeit unter sich begruben und konservierten.

Projekte wie „Subnordica“ haben das Ziel, diese Spuren und Überbleibsel der Steinzeit-Völker zu lokalisieren und zu Tage zu fördern. „Es sind viele Mosaikstückchen an Informationen, die dafür zusammengefügt werden müssen“, sagt Geologin Dr. Friederike Bungenstock, eine der beteiligten Wissenschaftler des NIhK. Auch deshalb ist die Zusammenarbeit mit den internationalen Partnern so wichtig. „Jedes beteiligte Institut hat andere Fachgebiete. Jeder macht das, was er am besten kann“, sagt Prof. Dr. Bittmann.

Während etwa die Universtität in Bradford führend in der Anwendung von „künstlicher Intelligenz“ (KI) und Simulationsmodellen ist, gehören etwa die Modellierung der steinzeitlichen Landschaften, die Erfassung der damaligen Ökosysteme und die Untersuchung des Meeresgrunds auf Basis seismischer Daten zu den Kompetenzen der NIhK-Forscher. „Durch seismische Untersuchungen lassen sich zum Beispiel die Urstromtäler von Flüssen wie Elbe, Ems und Weser rekonstruieren“, erklärt Archäologe Dr. Daniel Hepp. Denn als das Gebiet noch nicht unter Wasser lag, führten die Flussläufe etliche Kilometer weiter. Und so mündete auch die steinzeitliche Ems in ein längst unter Schlick versunkenes Elbtal.


Mit „Subnordica“ möchte das internationale Forscherteam eine Art Atlas entwickeln, um mögliche Fundstellen unter Wasser auszumachen, gerade im Hinblick auf Bauprojekte auf hoher See rund um den Energiewandel, etwa Pipelines, Tiefseekabel, Offshore-Windparks und Rohstoff-Abbau. „Es ist bislang grundlegend schwierig, Fundplätze in der Nordsee zu definieren. Wir möchten neue Ansätze schaffen und herausfinden, wo gute Bedingungen für Grabungen sind, etwa Stellen, an denen die Sedimentschicht dick genug ist, dass darunter Funde erhalten bleiben, aber dünn genug, dass Forschende da noch herankommen können“, erklärt Dr. Svea Mahlstedt, Meeres- und Landschaftsarchäologin und Leiterin eines der vier Arbeitsteams des Projekts.

Die Forscher nutzen Erkenntnisse aus vergangenen Unterwasser-Grabungen in Nord- und Ostsee, um etwa Merkmale von Fundstätten festzulegen, die auf frühere Besiedlung und Einflüsse von Menschen schließen lassen. Bohrproben des Meeresbodens können etwa Partikel von Holzkohle enthalten, genetische Spuren von Menschen und Tieren und andere geochemische Spuren. Durch die Computer-Rekonstruktion der Landschaft lassen sich etwa Moore, Flusstäler und Seen und andere prähistorische Gebiete wieder sichtbar machen, welche längst unter Schlick verborgen liegen aber vor unserer heutigen Zeitrechnung beliebte Lebensorte der steinzeitlichen Kulturen waren.

Laut Planung soll im ersten Quartal 2024 mit ersten Tauch-Ausgrabungen und der Datenerfassung begonnen werden – möglich macht dies auch die Unterstützung der Deutschen Forschungsgesellschaft, welche hilft, ein entsprechendes deutsches Forschungsschiff zu chartern, sowie eben die um Mittel für Sonderausrüstung erhöhte Förderung des europäischen Forschungsrats.

Hendrik Suntken
Hendrik Suntken Lokalredaktion, Wilhelmshavener Zeitung