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Fragen an das Gesundheitsamt Nach welchen Kriterien werden Abstriche und Quarantänen angeordnet?

Kristin Hilbinger

Herr Dr. Rübsamen, immer mal wieder tauchen Fälle von an Corona Erkrankten in den offiziellen Meldungen der Stadt auf, die zwar ihren Erstwohnsitz in Wilhelmshaven haben, sich aber gar nicht in der Stadt aufhalten. Sie werden den Fällen in Wilhelmshaven zugeordnet. Warum ist das so?

Dr. Christof Rübsamen: Das Infektionsschutzgesetz regelt, dass die Fälle dem Gesundheitsamt zugeordnet werden, das für den Ort des Erstwohnsitzes verantwortlich ist. Wenn jemand seinen Hauptwohnsitz in Wilhelmshaven hat, sind wir zuständig, auch wenn er sich nicht hier aufhält.

Diese Zählweise bedeutet im Umkehrschluss, dass Erkrankte, die sich in Wilhelmshaven aufhalten, aber nicht ihren Erstwohnsitz in der Stadt haben, nicht mitgezählt werden, bzw. dort wo sie gemeldet sind. Immerhin 211 Menschen, die nicht in WHV gemeldet sind, wurden hier getestet.

Die Zahl der Erkrankten taucht in den Tagesmeldungen der Stadt nicht auf.

Dr. Rübsamen: Die Kassenärztliche Vereinigung hat die Testzentren dem Niederlassungsort des Hausarztes zugeordnet. Wir haben in Wilhelmshaven einige Hausärzte, die Patienten aus dem Landkreis Friesland haben. Genauso gibt es auch Hausärzte in Sande und Schortens mit Wilhelmshavener Patienten, die müssen dann zum Abstrichzentrum nach Varel gehen. Es gab zum Beispiel Fälle von Studenten aus Süddeutschland, die irgendwo in Ostfriesland ein Praktikum gemacht, dann aber nur einen Arzt in Wilhelmshaven gefunden haben und deshalb hier getestet wurden. Die waren positiv, haben sich aber nach dem Test nicht mehr in Wilhelmshaven aufgehalten und wurden in ihrem Heimatort gezählt. Diese Zahl der über das Wilhelmshavener Testzentrum positiv getesteten auswärtigen Personen sagt also wenig aus.

Bis Mittwoch wurden im Testzentrum bereits 535 Abstriche gemacht

In Wilhelmshaven sind viele Soldaten stationiert, die ihren Erstwohnsitz nicht in der Stadt haben. Sind Sie als Gesundheitsamt auch für sie zuständig?

Dr. Rübsamen: Der Vollzug des Infektionsschutzgesetzes liegt in diesen Fällen bei der Bundeswehr. Positiv auf den Coronavirus getestete Soldaten werden an uns gemeldet und erscheinen in unserer Statistik, wenn der Erstwohnsitz Wilhelmshaven ist. Falls ein auswärtig gemeldeter Soldat hier im Sanitätszentrum behandelt würde und sich deshalb hier aufhält, bis er wieder gesund ist, müssten wir den Fall an das für seinen Erstwohnsitz zuständige Gesundheitsamt melden.

Corona-Tests werden nach den Bestimmungen des Robert-Koch-Institus vorgenommen. Wer wird laut dieser Bestimmungen getestet und wer nicht? Hausärzte berichten, dass häufiger Patienten, die sie in das Testzentrum geschickt haben, schließlich doch nicht getestet wurden.

Dr. Rübsamen: Anfangs sollten nur Personen abgestrichen werden, die symptomatisch waren und entweder aus einem Risikogebiet gekommen sind oder Kontakt zu jemandem hatten, der schon an Covid 19 erkrankt war. Unter bestimmten Umständen konnten auch symptomatisch Erkrankte abgestrichen werden, die besondere Risikofaktoren hatten. Seit Ende April kann und sollte jeder, der eine Symptomatik hat – also Erkältungssymptome oder eine Geruchs- oder Geschmacksstörung – abgestrichen werden, unabhängig davon, ob er Kontakt hatte oder Risikofaktoren hat. Da gibt es, wenn der Hausarzt den Abstrich veranlasst hat, für den Arzt oder die Ärztin im Testzentrum kaum noch Ermessensspielraum. In den ersten Wochen des Testzentrums kam es vor, dass an manchen Tagen nicht alle Patienten, die von ihrem Hausarzt zum Testzentrum geschickt wurden, auch getestet wurden.

Im Wilhelmshavener Testzentrum sind bis Mittwoch 535 Abstriche gemacht worden. In der vergleichbar großen Stadt Delmenhorst waren es mit 1065 doppelt so viele. Das Ergebnis: 26 bestätigte Fälle in Wilhelmshaven, 51 in Delmenhorst. Die Bestimmungen sind dieselben, warum wird in Wilhelmshaven deutlich seltener getestet?

Dr. Rübsamen: Dazu kann ich wenig sagen. Ich bin sicher, dass auch in Delmenhorst, der Praxisort des Hausarztes bestimmt, in welchem Testzentrum der Abstrich vorgenommen wird. So sind bestimmt Menschen mit Wohnsitz im Landkreis Oldenburg in Delmenhorst abgestrichen worden, weil ihr Hausarzt in Delmenhorst seine Praxis hat. Hauptgrund werden aber die in der Umgebung von Delmenhorst deutlich höheren Inzidenzen – also höheren Fallzahlen bezogen auf eine bestimmte Einwohnerzahl – sein, die viel höher sind, als in unseren Nachbarkreisen.

Überall gibt es zahlreiche Kontakte über die jeweiligen Stadt- und Kreisgrenzen, die sich dann in einer Region insgesamt in höheren Abstrich und Fallzahlen wiederspiegeln. Wenn es mehr Betroffene gibt, gibt es auch mehr Kontaktpersonen und in den ersten Wochen war ja der Kontakt zu einer erkrankten Person ein wichtiges Kriterium, einen Abstrich durchzuführen. Dazu kommt, dass wir großes Glück mit unseren ersten Fällen unter Reiserückkehrern aus Skigebieten hatten. Diese waren gewarnt und befanden sich hier vor Ort schon in Quarantäne, bevor ihre Diagnose feststand.

Mitbürger verhalten sich oft so, als gäbe es kein Risiko mehr

Die relativ niedrigen Abstrichzahlen könnten Anlass zu der Vermutung geben, dass die Fallzahlen in Wilhelmshaven in Wirklichkeit auch höher, aber nicht bekannt sind. Besteht die Gefahr, dass sich die Bürger in Wilhelmshaven aufgrund der niedrigen Zahlen in falscher Sicherheit wiegen und deshalb unvorsichtig werden?

Dr. Rübsamen: Wir haben in unserem System inzwischen weit über 700 Abstriche erfasst, denn es liegen uns auch Ergebnisse, von im Klinikum und durch Betriebsärzte durchgeführte Abstriche vor. Ob sich die Menschen in Wilhelmshaven in einer falschen Sicherheit wiegen, weiß ich nicht. Es ist ja momentan überall so, dass sich unsere Mitbürger oft so verhalten, als gäbe es kein Risiko mehr. In manchen Geschäften bewegen sich die Kunden zum Teil so, als wäre nie etwas gewesen. Das ist aber nicht so. Es ist nach wie vor so, dass jeder seine Kontakte so weit wie möglich auf sein häusliches Umfeld beschränken und nicht draußen rumlaufen soll. Aber das kommt auch in den Medien nicht mehr vor. Da geht es seit ein paar Wochen nur noch um das Thema Lockerungen.

Zu Beginn der Krise haben sich Menschen infiziert, die aus einem bestimmten Reisegebiet kamen oder direkten Kontakt zu Covid-19-Patienten hatten. Wie sehen die Infektionswege jetzt aus, wo wochenlang nicht gereist wurde und die Devise lautet: Bleiben Sie zu Hause.

Dr. Rübsamen: Wir haben immer noch Fälle, bei denen wir einen direkten Kontakt rekonstruieren können. Aber es gibt leider auch Fälle, in deren Umfeld wir keinen Anhaltspunkt finden, wo sich der Patient angesteckt haben könnte. Dazu kommen positiv getestete Personen, die völlig symptomfrei sind. Wir können nicht ausschließen, dass jemand, der symptomfrei aber infiziert ist und von seiner Infektion nichts weiß, beim Einkaufen den Virus weitergibt und so Infektionen auslöst.

Nach welchen Kriterien wird eine Quarantäne verhängt?

Reiserückkehrer müssen seit Neuestem nicht mehr pauschal in Quarantäne gehen. Befürchten Sie deswegen einen Anstieg der Fallzahlen?

Dr. Rübsamen: Das muss man abwarten. Viele Reiserückkehrer haben im Ausland seit Wochen in Quarantäne gelebt. Ein junges Mädchen, das Anfang März nach Peru gereist war, erzählte mir zum Beispiel, als sie endlich zurückkommen durfte, dass sie in Peru bereits sechs Wochen in Quarantäne gelebt hat. Wenn jetzt auch alle anderen Länder ihre Quarantänevorschriften lockern, dann kann es natürlich vorkommen, dass Leute einreisen, die dann erst hier krank werden.

Wer wird alles vom Gesundheitsamt in Quarantäne geschickt?

Dr. Rübsamen: Das entscheidende Kriterium ist der 15 Minuten face-to-face.-Kontakt Also zum Beispiel ein Gespräch in den vier oder fünf Tagen bevor jemand krank geworden ist, ohne Schutz einander direkt gegenüber.

Wenn Betroffene sicher sind, dass sie die Sicherheitsabstände jederzeit eingehalten haben, gehen sie nicht in Quarantäne. Sie kommen in die Kategorie II und bekommen die Auflage, sich zu beobachten, Temperatur zu messen und sowie irgendwelche Krankheitssymptome auftreten, sich zu melden. Alle anderen, bei denen das nicht eindeutig ist, fallen in die Kategorie I, bei der wir eine 14tägige Quarantäne anordnen. Und das trifft dann sehr häufig Familienangehörige. Auch wenn sie nicht zusammen wohnen, gab es öfter engere Kontakte. Und seien es nur wiederholte kurze Gespräche, wenn der Neffe der Tante die Einkäufe nach Hause bringt.

Regelmäßige Arbeit kann momentan kaum wahrgenommen werden

Das Gesundheitsamt in Wilhelmshaven wird für seine Arbeit in dieser Krise sehr gelobt. Wie sieht es mit ihrer Arbeitsbelastung aus? Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Gesundheitsämtern Unterstützung durch Personalaufstockung zugesagt, wenn es nötig ist. Ist es in Wilhelmshaven nötig?

Dr. Rübsamen: Wir sind bisher mit unserem Personal hingekommen. Aber nur unter dem Aspekt, dass wir unsere regelmäßige Arbeit im Moment kaum oder nicht wahrnehmen.

Die Mitarbeiterinnen, die sonst im Jugendärztlichen Dienst Schuleingangsuntersuchungen durchführen oder im Jugendzahnärztlichen Dienst in die Kindergärten gegangen sind, haben wir alle mit eingebunden. Ich habe ein ganz tolles Team und alle sind bereit und tauchen auch auf, wenn durch neue Fälle die Arbeit schubweise zunimmt. Wir haben aber seit vergangener Woche einen so genannten Containment-Scout vom Bundesverwaltungsamt im Haus.

Wir haben also Verstärkung bekommen. Seine Aufgabe wird darin bestehen, wenn es Fallmeldungen gibt, mit den Patienten Kontakt aufzunehmen, die Kontakte dieser Person zu ermitteln, sie anzurufen, ihnen Verhaltensregeln zu erklären und Fälle in die EDV einzupflegen. Es geht um die Unterstützung bei der Bewältigung des Aufwandes, den wir Gesundheitsämter rund um die Fälle haben. Diese Stelle ist auf ein halbes Jahr begrenzt.

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