Wilhelmshaven/Friesland - Jede siebte Frau in Deutschland erlebt in ihrem Leben mindestens einmal schwere sexualisierte Gewalt. Nur etwa jede zehnte Frau zeigt die Tat laut Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe an. Und nur acht Prozent der überhaupt angezeigten Taten werden dann auch verurteilt. Für die Opfer ein Schlag ins Gesicht.
Seit 2016 gilt in Deutschland das Prinzip „Nein heißt Nein“. Das bedeutet, dass eine sexuelle Handlung gegen den erkennbaren Willen eines anderen eine strafbare Handlung ist. Das sei ein wichtiger Schritt gewesen, meint Jana Rabsztyn, Leiterin der Beratungsstelle Pro Familia in Wilhelmshaven/Friesland. Doch sie sieht weitere Ansatzpunkte, denn um ein „Nein“ aussprechen oder auch akzeptieren zu können, gehöre viel dazu. „Das muss man lernen.“
Rabsztyn geht mit ihrem Team häufig in Schulen und bietet dort unter anderem sexualpädagogische Veranstaltungen zu Grenzen und Grenzverletzung an. „Die eigenen Grenzen wahrzunehmen, diese zu erkennen, körperlich zu spüren, wann fühle ich mich sicher oder unsicher, sind oft Themen. Nur wer eigene Grenzen kennt und wahrnimmt, kann auch die Grenzen der anderen sehen und akzeptieren“, erklärt Rabsztyn.
Jana Rabsztyn
Grenzüberschreitungen fangen häufig schon im Kleinkindalter an. Typische Floskeln wie „Bedank dich mal richtig für das Geschenk“ oder „Begrüß den Onkel mal vernünftig“ bedeuten meist, dass die Kinder aufgefordert werden, jemanden zu umarmen oder zu küssen, selbst wenn sie es nicht möchten. Damit werde uns schon als Kind beigebracht, dass unsere eigenen Grenzen nicht so wichtig sind. Erwachsene werten das häufig als persönliche Ablehnung und sehen nicht die Umstände: das Kind ist in ein Spiel vertieft, möchte gerade keine Nähe oder es hat Oma lange nicht gesehen und möchte sich erstmal nur langsam annähern. „Man müsste viel früher ansetzen, damit jeder lernt, dass er Grenzen setzen darf“, erklärt die Pädagogin. Genauso müsse aber auch jeder lernen, ein „Nein“ zu akzeptieren, das wertfrei hinzunehmen und sich nicht abgewertet zu fühlen. „Im schlimmsten Fall kann das vielleicht Gefühle auslösen, die einen dazu bringen, sich das Gewünschte anders zu holen, beispielsweise mit Gewalt.“
Jana Rabsztyn wünscht sich, dass Grenzen setzen und Ablehnung zu akzeptieren zur Normalität wird. „Wenn um Erlaubnis zu bitten zur Routine wird oder in unser alltägliches Handeln übergehen würde, dann könnte man vielleicht auch Situationen von Übergriffen verringern - oder sogar ganz vermeiden.“
