Die Gründe für Schulverweigerung sind vielschichtig. Das Team der SOS-Werkstatt lässt die Jugendlichen mit ihren Sorgen nicht alleine.
Von Stephan GiesersWilhelmshaven
Eigentlich müsste Michael (Name geändert) vormittags in der Schule sein. Stattdessen steht der 13-Jährige an der Werkbank der Fahrradwerkstatt des SOS-Hilfeverbunds Wilhelmshaven-Friesland und bringt einen Sattel auf Vordermann.Michael nimmt an einem neuen Projekt teil, das sich um Schulverweigerer kümmert. Sie sollen wieder einen geregelten Tagesablauf lernen und gelungene Fahrradreparaturen als Erfolgserlebnisse feiern. Dafür schrauben die Schüler von 8 bis 13 Uhr an alten Fahrrädern und flicken Schläuche.
Michael ist von Anfang an dabei. Eigentlich will er zur Schule gehen, darf aber nicht. „Ich habe einen geschlagen“, erzählt der 13-Jährige. Mit Lehrern gab es ebenfalls Konflikte und im Unterricht konnte sich Michael nicht konzentrieren. Die Folge: der 13-Jährige wurde vom Unterricht suspendiert. Demnächst soll er wieder in die Schule kommen – probeweise. „Dann muss ich mich echt beweisen“, sagt er.
Viele Jugendliche kennen ähnliche Konflikte. „Die Gründe sind vielschichtig“, sagt Bernd Prahm, der sich mit seinen Kollegen Holger Heimbeck und Projektleiter Reiner Würdemann um die Schulverweigerer kümmert. Im schlimmsten Fall seien sie seit Monaten oder gar Jahren nicht regelmäßig in der Schule gewesen. Andere gehen zwar zum Unterricht, verweigern aber die Mitarbeit.
„Es ist wichtig, möglichst schnell das Interesse am Schulunterricht wieder zu wecken und die Notwendigkeit des Schulbesuchs zu verdeutlichen“, erklärt der Projektleiter. „Unser Ziel ist, die Schüler mit ihren Sorgen und Nöten nicht alleine zu lassen“, sagt Prahm. Deshalb müsse man nach den Ursachen forschen. Dabei arbeitet das Team eng mit Jugendamt, Schulen und vor allem Eltern zusammen. Zwölf Schüler kann die Werkstatt betreuen. Und der Bedarf ist offenbar groß. „In Wilhelmshaven gibt es um die 200 Schulverweigerer“, schätzt Projektleiter Würdemann.
Das Jugendamt fördert das Projekt des SOS-Hilfeverbunds als Maßnahme der Jugendhilfe und vermittelt die auffälligen Schüler an die Einrichtung. Für Eltern und Betroffene ist die Maßnahme kostenlos. Repariert werden die Räder übrigens für einen guten Zweck. Sie sollen an Bedürftige gespendet werden.
