Frau Reumschüssel, Sie sind freie Reporterin. Für Ihr Sachbuch über Extremismus in der Reihe „Klartext“ des Carlsen Verlags haben Sie den Jugendliteraturpreis erhalten. Warum schreiben Sie über Extremismus?

Anja ReumschüsselExtremismus ist ein sehr aktuelles Thema. Als der Carlsen-Verlag mich fragte, ob ich ein Buch für Jugendliche darüber schreiben würde, habe ich mich sehr gefreut.

Haben Sie selbst Erfahrungen mit Extremismus gemacht?

ReumschüsselIch habe ein Jahr in Bethlehem gelebt und dort Reportagen über palästinensische Minderjährige in israelischer Haft geschrieben, deren Haftbedingungen gegen die UN-Kinderrechtskonvention verstoßen. Dort habe ich auch mit einem ziemlich radikalen Hamas-Anhänger gesprochen.

Ohne Ihrem Vortrag heute Abend vorgreifen zu wollen, aber wie definieren Sie – in wenigen Sätzen – Extremismus?

ReumschüsselDie Definition in Kurzform steht auf meinem Buch: „Extremismus ist das politische oder religiöse Streben nach einer neuen Gesellschaft. Extremisten lehnen den demokratischen Verfassungsstaat ab. Mit Schriften, Protesten und Veranstaltungen setzen sie sich für ihre Ziele ein. Und wenden manchmal auch Gewalt an.“

Das klingt erst einmal sehr nach trockener Theorie. Ist Ihr Buch ein Schulbuch?

ReumschüsselDas Buch ist für Jugendliche ab etwa 13 Jahren gedacht. Zielgruppe sind also Schülerinnen und Schüler, die das Buch eventuell auch im Unterricht lesen müssen. Darum habe ich bewusst versucht, es spannend zu schreiben und jedes Kapitel mit Fallbeispielen und Denkanstößen aufgelockert. Es ist also durchaus auch Lesestoff für Erwachsene.

Wie stehen Sie zur Kritik am Extremismusbegriff und seiner Auslegung?

ReumschüsselIch weiß, dass der Extremismusbegriff für viele ein Reizthema ist. Für meine Recherchen und für die im Buch erwähnten Fallbeispiele habe ich zum Beispiel nur mit Mühe und unter Wahrung der Anonymität einen Vertreter des linksextremistischen Lagers gefunden, mit dem ich sprechen konnte. Denn die „Linksextremisten“ wehren sich gegen die Bezeichnung „Extremisten“, da sie sich dadurch mit den Rechtsextremen auf eine Stufe gestellt fühlen. Sie selbst nennen sich lieber Linksradikale. Diese Kritik kann ich verstehen.

Wo sehen Sie denn die Grenzen zwischen Rechtsextremismus und Linksradikalismus?

ReumschüsselIch meine, dass Rechtsextremismus gefährlicher für Leib und Leben ist. Zumindest belegen das die von Rechten begangenen Straftaten. Während sich Straftaten von Linksextremisten bzw. Linksradikalen in der Regel mehr gegen Sachwerte richten. Ich wohne in Hamburg, da brennen dann manchmal die Autos. Das ist zwar auch schlimm, aber erst-einmal nicht gefährlich für das Leben einzelner Menschen.

Was macht Extremismus so gefährlich für eine Gesellschaft?

ReumschüsselExtremismus ist gefährlich für den Einzelnen, das Opfer, wie gerade in Dresden, wo zwei Männer niedergestochen wurden. Gefährlich ist er aber auch für die Gesellschaft, denn es reicht in einer Demokratie schon eine überzeugte extremistische Minderheit, um ein gesellschaftliches System zu kippen. Denn die meisten Menschen sind nicht extremistisch, die meisten sind Mitläufer.

Aber anders gefragt, gäbe es ohne Extremismus überhaupt gesellschaftliche Veränderungen?

ReumschüsselDas ist eine Frage, zu der ich auch in meinem Buch Denkanstöße gebe. Ich sage immer: ‚Extremismus ist das Fieberthermometer der Gesellschaft’. Das sehen wir ja auch aktuell gerade bei der Diskussion um Rechtsextremismus in der Polizei und der Bundeswehr. Hier müssen sich die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft nach dem Warum fragen und schauen, welche Konsequenzen daraus gezogen werden müssen. Ich nenne da gerne das Beispiel der rechtsextremen Jugendlichen in ostdeutschen Dörfern. Da muss man sich fragen: ‚Wie leben die denn da?’. Ohne Infrastruktur, ohne Ausbildungs- und Arbeitsplätze.

Warum sollte man sich Ihren Vortrag heute Abend, egal ob live in der Aula der Franziskusschule oder online, unbedingt anhören?

ReumschüsselWeil Extremismus, egal ob rechts, links oder religiös begründet, ein Thema ist, das uns noch lange beschäftigen wird. Jeder sollte wenigstens Grundkenntnisse darüber haben, um auch zu wissen, wie man gegensteuern kann. Denn jeder kann betroffen sein, egal ob selbst oder in der Familie oder dem Freundeskreis.

Anja Reumschüssel hält auf Einladung des Forums „Weltoffenes Wilhelmshaven“ und der VHS Wilhelmshaven Freitag, 23. Oktober, ab 18 Uhr einen Vortrag über Extremismus in der Aula der Franziskusschule, Mitscherlichstraße 23. Der Eintritt ist kostenfrei. Der Vortrag kann auch online verfolgt werden.