Wilhelmshaven - Die See ist ruhig, Vogelgezwitscher ertönt und ein Hase hoppelt durch das Grün am Schlepperhafen Nord des Jade-Weser-Ports. Vor Ort versammeln sich gerade die ADAC-Luftrettung, Mitglieder des Technischen Hilfswerks (THW) sowie von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Es ist ein Windentraining angedacht unter dem Stichwort „Personenrettung“. Mehrere „Darsteller“ schlüpfen in Überlebensanzüge, um im Verlauf der Übung ins Wasser gelassen und durch die Hubschrauber-Besatzung gerettet zu werden. Ich bin an diesem Tag einer von denen, die im elf Grad kühlen Wasser in Seenot geraten und gerettet werden müssen. Die Aufregung steigt, als mir meine Ausrüstung samt Helm überreicht wird.
DLRG und THW bringen uns auf die Nordsee
Nach einer kleinen Einweisung, wie wir uns in Hubschraubernähe – gerade beim Absetzen nach der Rettung – zu verhalten haben, geht es auch schon los. „Die Übungen finden zweimal im Jahr hier über der Nordsee statt. Wir unterstützen den ADAC dabei schon seit mehr als zwölf Jahren“, berichtet Eckhard Kaufeld von der DLRG-Ortsgruppe Wangerland. Mit Mitgliedern der DLRG Wangerland, Jever/Schortens sowie Bockhorn/Zetel fährt er uns aufs Wasser – mit dem kleinen DLRG-Boot. „Das größere ist leider abgängig, muss immer wieder in die Werft. Wir wollen es austauschen, aber dafür brauchen wir Sponsoren“, sagt er auf dem Weg. Ebenfalls mit dabei ist ein Boot des THW, auf dem weitere „Darsteller“ mitfahren, die jeweils einzeln in die Nordsee springen werden.
Bevor es losgehen kann, gibt es eine Einweisung, wie der Ablauf der Windenübung aussieht und worauf zu achten ist.
Dirk Gabriel-Jürgens
Die DLRG-Ortsgruppe Wangerland, die in der Regel die zu Rettenden stellt, hat einen Überlebensanzug für mich im Gepäck.
Dirk Gabriel-Jürgens
Da der Anzug wasserdicht ist, kann ich ihn problemlos über meine Kleidung anziehen.
Dirk Gabriel-Jürgens
Passt, wackelt und hat Luft: Der Überlebensanzug lässt mich im Wasser nicht untergehen und verhindert das Eindringen von Wasser.
Dirk Gabriel-Jürgens
Stephan Brade ist seit 26 Jahren beim ADAC und an diesem Tag einer der Piloten, die an der Übung teilnehmen.
Dirk Gabriel-Jürgens
Aus etwa 80 Fuß (rund 25 Meter) Höhe wurden die Retter per Winde nach unten gelassen.
Dirk Gabriel-Jürgens
Eckhard Kaufeld von der DLRG-Ortsgruppe Wangerland ....
Dirk Gabriel-Jürgens
... und Jörg vom THW haben alles im Blick und können zur Not mit dem Boot auf Anweisung der Hubschrauber-Crew eingreifen.
Dirk Gabriel-Jürgens
Ab aufs Boot und dann hinaus auf die Nordsee.
Dirk Gabriel-Jürgens
Noch ist WZ-Redakteur Michael Hacker die Ruhe selbst.
Dirk Gabriel-Jürgens
Das Boot der DLRG-Ortsgruppe Wangerland brachte die zu Rettenden aufs Wasser.
Dirk Gabriel-Jürgens
Das kleine Boot der DLRG Wangerland mit einem Teil der „Darsteller“.
Dirk Gabriel-Jürgens
Neben der DLRG ist auch das THW dabei, um zu Rettende aufs Wasser zu fahren und im Notfall unterstützen zu können.
Dirk Gabriel-Jürgens
Die „Darsteller“ warten auf das Kommando, dass sie nach und nach ins Wasser können.
Dirk Gabriel-Jürgens
Auf geht's: Für die erste Person geht es ins elf Grad kalte Salzwasser.
Dirk Gabriel-Jürgens
Dank des Anzugs, der Auftrieb verleiht, besteht keine Gefahr, unterzugehen.
Dirk Gabriel-Jürgens
Die erste Rettung an diesem Tag ist erfolgt.
Dirk Gabriel-Jürgens
Als zu Rettende sind auch zwei Vertreter der Top Aces, ein in Montreal (Kanada) ansässiges Verteidigungsunternehmen, das Flugtrainingsdienste anbietet. Hier wird ein Kampfflugzeugpilot dargestellt, der sich per Schleudersitz aus seinem Cockpit befreit hat.
Dirk Gabriel-Jürgens
Der strahlend blaue Himmel lässt sich gut ansehen, doch für die Hubschrauber-Crew macht Windstille die Rettung schwieriger.
Dirk Gabriel-Jürgens
Es geht los: WZ-Redakteur Michael Hacker darf ins Wasser.
Dirk Gabriel-Jürgens
Ohne Handschuhe wird schnell spürbar, wie kalt sich elf Grad Wassertemperatur tatsächlich anfühlen.
Dirk Gabriel-Jürgens
Rettung in Sicht: Nach höchstens zwei Minuten ist der Retter an der Winde neben mir im Wasser, legt mir die Rettungsschlaufe um.
Dirk Gabriel-Jürgens
Nachdem ich gesichert bin, geht es aus dem Wasser raus und über die Winde hoch zum Hubschrauber.
Dirk Gabriel-Jürgens
Rund 25 Meter über dem Wasser wird der ADAC-Hubschrauber positioniert, um die Winde mit Retter abzuseilen.
Dirk Gabriel-Jürgens
Nach der Rettung erfolgt das Absetzen an Land.
Dirk Gabriel-Jürgens
Während ich meine Erfahrung sammeln konnte und sicher wieder gelandet bin, wechselt das Pilotenteam durch.
Dirk Gabriel-JürgensZunächst darf ich mir noch anschauen, wie eine Rettung abläuft, ehe es für mich ernst wird. Als Zweiter bin ich an der Reihe. „Also dann, Michael. Ab ins Wasser mit dir“, gibt mir Kaufeld grünes Licht. Der Anzug, der sich immer wieder mit Luft füllt und dafür sorgt, dass kein Tropfen Wasser eindringt, verleiht Auftrieb. Mit kleinen Handgriffen am Kragen sorge ich dafür, dass sie entweicht und ich mich besser bewegen kann. Der Hubschrauber ist bereits in Sicht, dennoch wird spürbar, wie schnell meine Finger kalt werden. Es dauert höchstens zwei Minuten, bis ein Crew-Mitglied an der Winde neben mir im Wasser landet. Die Rotorblätter peitschen die Nordsee auf, Wasser schlägt ins Gesicht. Man versteht sein eigenes Wort kaum, Kommunikation läuft weitestgehend via Mimik und Gestik. Schließlich bin ich mit einer Rettungsschlaufe und am Haken gesichert, sodass wir mit der Winde nach oben geholt werden. Es geht alles so schnell und routiniert, auch der Flug bis zum Absetzen ist im Nu vorbei.
Windstille ist besondere Herausforderung
Da insgesamt sechs Pilotenteams an der Übung teilnehmen, dürfen einige zu Rettende ein zweites Mal ins Wasser – auch ich entscheide mich für einen weiteren Durchgang. Erneut werde ich binnen kürzester Zeit und direkt im ersten Versuch gesichert und mit einem „Willkommen“ vom Retter begrüßt.
An Land spreche ich mit Pilot Stephan Brade. Er ist seit 26 Jahren beim ADAC, zählt selbst schon mehr als 5000 Flugstunden. „Es ist ein erfüllender Job und war schon immer mein Wunschberuf“, sagt er. „Diese Übungen sind für uns wichtig, da wir häufig über dem Wasser fliegen. Zur Seerettung werden wir jährlich zehn bis 15 Mal gerufen.“
Dass es an diesem Freitag windstill ist und die Nordsee ruht, macht es für die Crew indes deutlich schwieriger. Doch warum? Als Außenstehender vermutet man ja eher das Gegenteil. „Ohne Wind wird der Abwind des Hubschraubers direkt unter den Hubschrauber ‚geblasen‘ und verwirbelt mitunter Retter, Seil sowie Opfer und erschwert die Bergung – Pendeln im Seil, Gischt bei Opfer und Retter. Mit Wind bläst der Abwind nach ,hinten’ und stört nicht“, erklärt Brade.
Respekt und Dankbarkeit für Lebensretter
Für mich geht ein aufregender Selbstversuch zu Ende. Eine Erfahrung, die mich nachdenklich stimmt, wie es jenen Menschen wohl ergehen muss, die wirklich in Seenot geraten, möglicherweise ins eisige Wasser müssen, bei Sturm, hohem Wellengang und eventuell auch noch verletzt. Dank dieser Übung habe ich zumindest (an den Händen) ein Gefühl bekommen, wie schnell der Körper unterkühlt, die Kräfte schwinden. Wenn jetzt noch Panik mit im Spiel ist, sieht es mit Sicherheit noch ganz anders aus. Ich empfinde nach diesem Tag Respekt und Dankbarkeit, dass es Menschen gibt, die sich für unser Leben einsetzen und sich mit Übungen immer bestmöglich auf solch mögliche Situationen vorbereiten.
