Die Zahl überschuldeter Verbraucher nimmt ab, das zeigt der Schuldneratlas 2023, der jährlich von der Creditreform Boniversum, einem Wirtschaftsunternehmen, erstellt wird. Doch die beiden Schuldnerberaterinnen der Diakonie Friesland-Wilhelmshaven Georgia Gries und Mareike Wellmann sehen die Lage weit weniger positiv. Beratungstermine sind bei ihnen kaum noch zu bekommen.
Wie nehmen Sie die aktuelle Situation wahr?
Georgia GriesEs liegen schwierige Jahre hinter uns. Corona hatte einen starken Einfluss, dann der Krieg in der Ukraine, die Gas- und Strompreiserhöhungen. All das macht den Menschen zu schaffen.
Mareike WellmannDie Inflation hat generell einen Einfluss. Ich gehe davon aus, dass das im kommenden Jahr noch für Probleme sorgen wird und die Zahlen auch bei uns noch einmal steigen werden.
Blickt man auf Statistiken, dann geht die Gesamtzahl der überschuldeten Bürger zwar zurück, aber unter jungen Menschen steigt die Zahl. Woran liegt das?
GriesWir beobachten immer wieder, dass junge Menschen die einfache Möglichkeit nutzen, jetzt etwas zu kaufen und es erst später zu bezahlen. Viele von ihnen haben nicht den Überblick, was sie sich wirklich leisten können.
WellmannSoziale Medien spielen auch eine Rolle. Auf der Plattform TikTok gab es vor Kurzem einen Wettbewerb, bei dem junge Menschen ihre Klarna-Rechnungen gezeigt haben. Dieser Bezahldienstleister bietet lange Zahlungspausen an. Man überbot sich dort damit, wer die meisten Klarna-Schulden hatte.
GriesWas uns zudem bei Präventionsangeboten in Schulen oder auch hier in der Beratung auffällt, dass junge Menschen ihre Prioritäten nicht richtig festlegen können. Sie können dann Miete, Strom und Gas nicht mehr bezahlen, ihnen wird sogar damit gedroht, Strom und Gas abzustellen. Trotzdem möchten sie ihr Handy weiterbezahlen.
Dann ist die Situation aber ja wirklich sehr ernst und schon fast zu spät...
GriesZu spät ist vielleicht der falsche Begriff, weil wir da anfangen zu beraten und zu arbeiten, wo es für andere schon längst zu spät wäre. Die Menschen, die zu uns kommen, sind überschuldet und wissen oft keinen Ausweg mehr.
WellmannSie stehen oft kurz davor, dass ihnen der Strom abgestellt wird. Sie können ihre Rechnungen nicht mehr zahlen.
Mareike Wellmann von der Schuldnerberatung der Diakonie Friesland-Wilhelmshaven
Es geht also nicht darum, dass das Konto mal um 100 Euro überzogen ist...
GriesNein, es geht wirklich darum, das eine Existenz auf dem Spiel steht. Bei jüngeren Menschen fällt uns zudem auf, dass sie im Vergleich zu früher über sehr viel mehr Geld verfügen können.
Wie schwer fällt es Menschen, ihre Beratung aufzusuchen?
GriesIn allen Altersklassen fällt es den Menschen sehr schwer, diesen Schritt zu gehen. Sie haben Angst und oft viele Fragen.
WellmannDie Hürde ist schon groß, aber ich habe das Gefühl, dass die Menschen nach der Beratung erleichtert sind. Wir verurteilen hier niemanden. Wir wissen, das Schulden oft aus Lebenssituationen entstehen können, die man nicht geplant oder gewollt hat.
GriesEs sind immer Schicksale. Wir sitzen manchmal da und müssen das auch für uns selbst verarbeiten, was wir da gerade mitbekommen und gehört haben. Das sind keine Zahlen, mit denen wir arbeiten, sondern Menschen.
Georgia Gries von der Schuldnerberatung der Diakonie Friesland-Wilhelmshaven
Wer sucht bei Ihnen die Beratung auf?
GriesEs kommen Menschen aus allen sozialen Schichten. Denn Schulden können ja aus allen möglichen Lebenssituationen entstehen.
Wie läuft eine Beratung ab? Wie viele Termine nehmen Menschen wahr?
GriesWir brauchen zunächst alle Unterlagen, also Lohnabrechnungen und Gläubigerpost. Wir schauen uns dann an, wie hoch die Schulden sind, wie viele Gläubiger es gibt. Denn viele haben den Überblick verloren.
WellmannWir erstellen eine Gläubigerliste und überprüfen im zweiten Termin, welche Einnahmen es gibt. Der Ratsuchende entscheidet natürlich bei allem mit.
GriesUnd dann suchen wir Möglichkeiten, wie der Ratsuchende die Schulden nach und nach begleichen kann. Im Schnitt sind es drei Termine, aber die Leute rufen auch danach manchmal noch an und stellen Fragen. Wir begleiten die Menschen hier im Schnitt zwischen drei Monaten und einem halben Jahr. Es kann aber auch länger dauern.
Welchen Rat würden Sie Eltern geben, damit ihre Kinder nicht in die Schuldenfalle rutschen?
GriesDie Prioritäten sollten stimmen. Kindern sollte gezeigt werden, dass Miete, Strom, Gas und Lebensmittel Vorrang vor Dingen wie Handy, Computern oder teuren Klamotten haben. Und das Selbstwertgefühl der Kinder aufbauen, dass sie sich nicht über Statussymbole definieren sollten. Und der wichtigste Rat: Nichts kaufen, was man sich nicht leisten kann.
