Sengwarden - Ein wunderschöner Sessel, bezogen mit einem kelim-artig gemusterten Stoff, wie er in den 60er- bis 70er-Jahren modern war – und es heute wieder ist – steht in einem ebenfalls im Retro-Stil gestalteten Raum. Wandbespannung, Fußbodenbelag, Fensterdekoration – alles passt perfekt zusammen und könnte durchaus die Kulisse für einen Romy-Schneider-Film sein.
Dieses Raumensemble ist das Gesellenstück von Sophie-Marie Zimmermann, die mit dieser Prüfungsaufgabe zum Thema „Retro Revival“ und mit ihren Leistungen während ihrer dreijährigen Ausbildung zur Raumausstatterin diesjährige Kammerbeste der Handwerkskammer Oldenburg wurde. Eine Leistung, auf die sie selbst und auch ihr Ausbilder Stefan Vogt von der gleichnamigen Polsterei in Sengwarden sehr stolz ist.
„Ich wollte von Anfang an etwas handwerkliches machen“, begründet die 24-Jährige, die an der IGS Wilhelmshaven ihr Abitur gemacht hat, ihre Berufswahl. „Ich nähe gerne und probiere alles aus“, sagt sie. „Schon als Kind habe ich liebend gerne mit meinem Vater in der Garage etwas gebaut und gebastelt. Später habe ich mir meine Kleidung selbst genäht.“
„Ich habe dann einfach mal bei der Polsterei Vogt angerufen und die haben mir ein Kurzpraktikum zum gegenseitigen Kennenlernen angeboten“, erzählt die junge Frau. „Danach war klar: das passt.“ Und auch heute, nach drei Jahren im fünfköpfigen Team der Polsterei Vogt, ist Sophie-Marie restlos begeistert. „Das ist genau das Richtige für mich.“
In der Werkstatt dort ist sie die einzige Frau, in der Berufsschule hingegen waren es überwiegend Mädchen, die den Beruf Raumausstatter gelernt haben. „Viele von ihnen wollten in den Deko-Bereich. Ich habe meinen Schwerpunkt von Anfang an auf Polsterei gelegt“, sagt Sophie-Marie Zimmermann selbstbewusst. „Mich reizt die Vielseitigkeit dieses Berufs. Ob Yachten, Wohnmobile, Fahrzeuge, Schiffsmessen oder eben alte und neue Möbelstücke, wir fertigen immer wieder neue, individuelle Dinge an. Einzelstücke eben, Unikate. Qualitätsarbeit mit Mehrwert, nichts von der Stange.“
Neben der Polsterei hat sie natürlich auch Tapezieren, Fußboden verlegen, Fensterdekoration und vieles mehr in der Berufsschule gelernt, was zum Beruf des Raumausstatters gehört. „Als erstes musste ich in meinem Ausbildungsbetrieb Polstermöbel zerlegen, um zu sehen, wie sie überhaupt aufgebaut sind“, erinnert sie sich. Dass die Arbeit in der Polsterei körperlich durchaus anstrengend ist, störe sie nicht. Trotzdem habe es natürlich auch einige Momente gegeben, in denen sie an ihren Fähigkeiten gezweifelt habe. „Zum Beispiel vor der Zwischenprüfung. Da war ich ganz verzweifelt, weil ich dachte, ich kann keinen Stuhlsitz polstern. Ich habe geübt und geübt und am Ende lief es super.“ Hartnäckigkeit hat Sophie-Marie auch bewiesen, indem sie während ihrer Ausbildungszeit bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad von Fedderwardergroden, wo sie wohnte, nach Sengwarden geradelt ist. „Ich hatte ja noch kein Auto.“ Inzwischen wohnt sie in Sengwarden und kann zu Fuß zur Arbeit gehen.
Dass ihr Beruf ihre Berufung ist, merkt man, wenn man Sophie-Marie nach ihren Hobbys fragt. „Ich bin auch in meiner Freizeit kreativ handwerklich unterwegs. Ich nähe und werkel immer noch gerne und habe mir zum Beispiel mein Bett selbst gebaut. Ich lebe meinen Beruf auch zu Hause“, sagt sie lachend.
Stühle zu polstern ist längst keine Schwierigkeit mehr für sie und dass sie einen Sessel, von dem nur noch das Holzgestell existiert, komplett neu aufbauen kann, hat die Sengwarderin in ihrer viertägigen Gesellenprüfung bewiesen. „Sophie-Marie war jede Minute Ausbildung wert“, lobt Stefan Vogt. „Ich habe auch schon ganz andere, weniger gute Erfahrungen mit Azubis gemacht.“ Und natürlich ist Sophie-Marie inzwischen fest angestellt in der Polsterei Vogt.
Das i-Tüpfelchen ist dann, dass Sophie-Marie nicht nur Kammerbeste in der Region Oldenburg ist, sondern auch in ganz Niedersachsen. Als Landessiegerin kann sie sich über ein Weiterbildungsstipendium über drei Jahre freuen, das ihr die finanzielle Basis für Lehrgänge oder die Meisterprüfung bietet. „Ich will mich auf Lederrestauration und Fahrzeugsattlerei, zum Beispiel für Oldtimer, spezialisieren“, sagt die junge Frau.
Als Landessiegerin nimmt sie zudem automatisch am Bundeswettbewerb teil. Dafür heißt es nun nicht nur Daumen drücken, sondern auch sich auf die – bisher noch nicht bekannte – Prüfungsaufgabe vorzubereiten. „Ich warte jeden Tag auf Post“, so Sophie-Marie.
