Wilhelmshaven - Kringel, Häkchen, Punkte, geschwungene Striche. Wenn Karla Krüger ihren Einkaufszettel schreibt oder sich bei einem Telefonat Notizen macht, geht ihr das immer noch blitzschnell von der Hand. Aber nur wenige werden ihre Notizen noch lesen können. Die 87-Jährige schreibt Steno – in Kurzschrift.
Während ihrer Zeit als Chefsekretärin war Stenografie Einstellungskriterium und später im Studium eine große Hilfe, erzählt Krüger. Heute ist es Leidenschaft - und Gedächtnistraining mit Stift und Papier. Im Wilhelmshavener Stenografenverein von 1875 ist sie damit in guter Gesellschaft. Seit 73 Jahren ist sie Mitglied im Verein, der im nächsten Jahr 150-jähriges Bestehen gefeiert hätte. Doch dazu wird es nicht mehr kommen.
Nach dem Tod des Vorsitzenden Heinz Meiners, der am 9. Februar dieses Jahres im Alter von 93 Jahren verstorben ist, haben sich die elf verbliebenen Mitglieder zur Auflösung entschlossen. Noch in diesem Jahr soll es dazu eine Hauptversammlung geben. Leicht sei ihnen dieser Entschluss aber nicht gefallen, sagt Krüger, als sie mit der 2. Vorsitzenden Irmingard Pechthold-Kleihauer (82) und Kassenwartin Monika Westerschell (63) zusammensitzt, um die gemeinsame Zeit Revue passieren zu lassen - und um dem langjährigen Stenografielehrer und Vereinsvorsitzenden zu gedenken. Heinz Meiners habe für die Stenografie und den Verein gebrannt, sind sie sich einig. Dass die Tage des Vereins gezählt sind, habe aber auch er schon lange gespürt, wissen sie. Schon seit vielen Jahren verzeichnete der Verein keine Neuzugänge mehr. Computer, Diktiergerät und Spracherkennungsprogramm haben die Kurzschrift längst verdrängt. Aussprechen aber mochte das damals aber niemand. Heinz Meiners mochte es wohl am wenigsten hinnehmen. „Wir wollen die Kunst bewahren, solange es geht“, hat der Vorsitzende immer gesagt.
Heinz Meiners (2. von links) bei der Jahreshauptversammlung im vergangenen Jahr. Bild: Privat
Deshalb unterrichtete der Wilhelmshavener auch im hohen Alter mit viel Leidenschaft. Monika Westerschell war eine seiner letzten Schülerinnen, heute erinnert sich die 63-Jährige gerne an den Unterricht und knifflige Kurzschriftdiktate im Wohnzimmer des alten Werftarbeiterhauses ihres Vorsitzenden. Bei einer Tasse Tee wurde geschrieben und geklönt. Zuletzt aber hatte nur noch ein kleiner Kreis Interesse an den Kursen. Einmal wöchentlich wurde unterrichtet.
In der Blütezeit 800 Mitglieder
Nach der Corona-bedingten Zwangspause des Vereins schliefen die Kurse dann gänzlich ein. Zur Blütezeit des Stenografenvereins war das vollkommen anders. Die Kunst der Kurzschrift und flinkes Schreiben an der Schreibmaschine waren Einstellungsvoraussetzung für viele Berufe. Diktiergeräte und Computer gab es noch nicht, erst recht keine Smartphones. Die Unterstützung des Vereins war deshalb sehr gefragt. 800 Mitglieder zählte er zu Spitzenzeiten. So kam auch Heinz Meiners im Jahr 1953 hinzu, als er eine Lehre bei der Wilhelmshavener Stadtverwaltung absolvierte. Später sollte er den Verein prägen – als Lehrer ebenso wie als Vorsitzender. Vor allem die Stenografiejugend habe ihm immer am Herzen gelegen, erinnert sich Pechthold-Kleihauer und erzählt von Fahrten durch ganz Europa.
1958 ging es mit zwei Bussen zur Weltausstellung nach Brüssel – mit anschließendem Abstecher nach Paris. Wettbewerbe waren ebenfalls selbstverständlich und so manches Mitglied brachte Titel mit nach Hause. Vor allem Erika Just punktete immer wieder, schaffte es 1995 sogar zur Weltmeisterin.
Stenografie werde heute völlig unterschätzt
Auf der deutschen Seniorenmeisterschaft 2014 kam sie mit 175 Silben pro Minute auf den fünften Platz und war beim Maschineschreiben die schnellste, das brachte sie in der Gesamtwertung auf Platz 2. Dass die Kurzschrift heute aus der Mode geraten ist, will Carla Krüger indessen nicht einfach hinnehmen - so unabwendbar das Ende des Vereins auch sein mag. Noch heute werden im Bundestag Stenografen eingesetzt, um Reden zu protokollieren.
Die Vorteile der Kurzschrift – im Berufsalltag ebenso wie im Privatleben – würden in Zeiten der Digitalisierung aber völlig unterschätzt, sagt sie und blickt kritisch auf den Notizblock des Redakteurs, der auf der anderen Seite des Tisches eilig in Langschrift mitschreibt – ein grausiges Gekritzel. So schnell mitschreiben wie das gesprochene Wort – mit Steno wäre das kein Problem.
