Zwei substituierende Hausärzte wollen keine weiteren Patienten behandeln. Ihre alten müssen die Ersatzmedikamente nun wöchentlich abholen und täglich zu Hause einnehmen.
Von Stephan GiesersWilhelmshaven
Die Diskussion über die wohnortnahe Versorgung von Drogenabhängigen in Wilhelmshaven nimmt kein Ende. Methadon zum Mitnehmen – das wird schon bald der einzige Weg für Suchtpatienten sein, um in der Jadestadt verordnete Ersatzmedikamente zu bekommen. Diese Präparate sollen ihnen ein Leben ohne Heroin ermöglichen – Substitute genannt.Betroffen sind rund 20 Menschen, die zurzeit in der Ausgabestelle an der Admiral-Klatt-Straße jeden Morgen mit Methadon versorgt werden. Sie müssen die Ersatzmedikamente im Beisein eines Arztes zu sich nehmen. Ab Januar wollen die substituierenden Hausärzte Matthias Abelmann und Valentina Gradwohl das Methadon ausschließlich über die sogenannte Take-Home-Verordnung abgeben. Ihre zum Teil langjährigen Patienten werden dann wöchentlich in die Arztpraxen kommen, um ihr Ersatzmedikament für jeweils sieben Tage abzuholen. Eingenommen werden die Präparate zu Hause.
„Ich kann meine Patienten nicht einfach auf die Straße setzen. Die Take-Home-Verordnung ist das letzte Angebot, das ich machen kann“, sagt Abelmann. Die beiden niedergelassenen Ärzte sehen sich zudem nicht in der Lage, weitere Suchtpatienten zu behandeln – „obwohl schon jetzt viele Drogenabhängige auf einen Platz im Methadonprogramm hoffen“, wissen die substituierenden Ärzte. Die wohnortnahe Versorgung von Drogenabhängigen sei somit längst nicht gesichert. Zudem ist nicht jeder Suchtpatient geeignet für die Take-Home-Verordnung, die ein großes Vertrauen und eine gute Mitarbeit der Suchtpatienten voraussetzt. So müssen die Drogenabhängigen mindestens seit einem halben Jahr ein Ersatzmedikament verabreicht bekommen und sich in dieser Zeit bewährt haben. Ein großes Problem sei dabei der Beigebrauch von Heroin und anderen Drogen sowie hoher Alkoholkonsum.
„Viele werden das nicht durchhalten“, befürchtet Abelmann. Dass Take-Home-Patienten ihre Medikamente nicht unter Aufsicht einnehmen, erhöht die Gefahren – auch für die Betroffenen, weiß seine Kollegin Valentina Gradwohl, die schon jetzt rund 20 Take-Home-Patienten betreut: „Der Beigebrauch kann zu einer Überdosierung führen und lebensgefährlich sein.“ Auch die Gefahr, dass ein Teil des Methadons auf dem Schwarzmarkt landen könnte, sei nicht von der Hand zu weisen.
Mit ihrer Entscheidung ziehen Gradwohl und Abelmann Konsequenzen aus dem monatelangen Ringen mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und der Stadtverwaltung um ein langfristiges Versorgungsmodell. Immer wieder ging es um die Suche nach einem geeigneten Raum für die Vergabe und die nötige Finanzierung. Ohne Ergebnis. Zwar hätte die KV zuletzt ein neues Gebäude als Ausgabestelle gefunden und sich bereit erklärt, den notwendigen Umbau mitzufinanzieren, erzählt Abelmann. Für die monatlichen Kosten hätten die substituierenden Ärzte aber selbst aufkommen müssen: „Wirtschaftlich ist das für uns nicht tragbar.“
Die von Abelmann angedachte Substitutionspraxis scheitere an den Kosten. Die KV wollte die beantragte Summe von 60 000 Euro nur zur Hälfte übernehmen.
Dass inzwischen zwei Amtsärzte des Gesundheitsamtes und eine Ärztin des Reha-Zentrums zumindest vertretungsweise in die Versorgung einsteigen wollen, sei schön, aber nicht ausreichend, so der Mediziner. Das sieht Valentina Gradwohl ähnlich, die der KV vorwirft, sich nicht ausreichend mit dem Problem zu befassen.
