Im Geburtsjahr des Höger-Baus vor 80 Jahren zierten den Rathausplatz noch Rosen und Rasen. 1945 hoffte OB Paffrath auf eine Neuanlage.
Von Ulrich Müller-HeinckWilhelmshaven
Dass das Wilhelmshavener Rathaus am Sonntag seinen 80. Geburtstag nicht nur feierte, sondern auch bürgernahen Service anbot, kam einer tags zuvor 18 Jahre jung gewordenen Jadestädterin zugute. Eine Dame vom Amt konnte der erfolgreichen Führerscheinerwerberin, die schon fünf vor elf bei der Behörde im Ratrium vorsprach, ihr Dokument gleich aushändigen und damit grünes Licht für eine erste Alleintour geben. Das wäre ansonsten erst mit Beginn der Arbeitswoche möglich gewesen.Zwar war die sonntägliche Arbeitsbereitschaft einiger Abteilungen im Höger-Bau und seinem 44 Jahre jüngeren Gegenüber, dem Ratrium, eigenntlich nur Beiwerk für einen Tag, in dessen Mittelpunkt Information und ein unterhaltsames Jubiläumsprogramm standen, doch wurde sie in manchen Fällen gerne angenommen. Etwa auch von jenem Bürger, der dringend eine Beglaubigung für seinen Personalausweis benötigte und glücklich war, diese umgehend zu erhalten.
Für 2 Euro gab‘s einen originalen Rathaus-Klinkerstein von 1929, von denen eine Anzahl bei den gegenwärtigen Umbauarbeiten angefallen sind. Wie der Stand der Dinge diesbezüglich im Ratssaal ist, interessierte darüber hinaus viele Besucher, die sich in dem völlig entkernten Raum Phantasien über die künftige Gestaltung hingeben konnten. Eines fiel dabei buchstäblich ins Auge: Die durch den wieder geöffneten Südflügel glänzende Sonne.
In die andere Richtung, nach Norden, deuten Visionen, die am 22. August 1945 in der konstituierenden Sitzung des Vorläufers der ersten demokratischen Stadtvertretung nach dem 2. Weltkrieg Oberbürgermeister Friedrich Paffrath formulierte: „Als Schlussstein in diesem Rathaus legten wir im Jahre 1929 vor dem Hause einen herrlichen Rasen- und Rosenplatz an, zur Freude aller Einwohner. Zehn Jahre später vernichtete man diesen Schmuckplatz, um einen Aufmarschplatz zu haben, von dem Hitler das Flottenabkommen kündigte. In diesen zwei Handlungen liegt eine tiefe Symbolik. Laßt uns, wenn wir einmal dazu in der Lage sind, wieder Schmuck- und Erholungsplätze bauen!“
Gestern nutzten den aktuell in der Diskussion befindlichen Rathausplatz erst einmal verschiedene kommunale Einrichtungen zu ihrer Präsentation, insbesondere Berufs- und Freiwillige Feuerwehr, zudem Straße und Grün, WEB und Stadtwerke sowie die Jugendpflege mit ihrem Spielewagen. Demonstrierte die Feuerwehr zum Beispiel, wie ein „Tag der offenen Tür“ bei einem Unfallwagen mittels hydraulischer Schneidscheren anbricht, ließen die Entsorgungsbetriebe ihre neueste Errungenschaft, ein 220 000- Euro-Gefährt zur Altpapiersammlung, schon mal warmlaufen.Im Höger-Bau selbst herrschte Betrieb auf allen Flur-Stücken, wo die Abteilungen wie in den Dienstzimmern ihre Arbeit vorstellten, garniert mit so manchen Spielen und Aktionen für Erwachsene und Kinder. Bindungswillige konnten schon einmal für den Tag der Entscheidung Trauzimmer im Altbau und im Ratrium-Neubau gegeneinander abwägen.
Um ein bisschen Geld in die schmale Stadtkasse zu schleusen, versteigerte diese am Nachmittag gepfändete Kristalle, trennte sich die Stadt per Versteigerung von diversen ihr gemachten Geschenken, von Containermodellen über gerahmte Stadtansichten und einen finnischen Obstteller bis hin zu einem Profilbild, dessen Beschriftung wohl nur einer der chinesischen Studenten an der FH kundig übersetzen könnte.
Unters Dach des Rathauses geschlüpft waren gestern überdies das Reinhard-Nieter-Krankenhaus, das unter anderem mit einer „Modenschau“ der Dienstkleidungsvarianten aufwartete, und das Gesundheitsamt, das nicht nur Blutdruck maß, sondern auch Empfehlungen zum richtigen Verhältnis von Länge und Breite gab.
Bis zum Nachmittag konnte nach Rathausturmfahrten sogar der Blick über die Stadt in leichter Herbstsonne schweifen. Bei später einsetzenden Regengüssen empfahl sich immer noch ein Besuch im Amtszimmer des Oberbürgermeisters mit einem Blick auf seine Amtskette und ins Goldene Buch der Stadt. Beim Hinausgehen gab es, ganz umsonst – Gummibärchen, so viel ließ der Etat der Stadt noch zu.
