Julia Ebner ist Forscherin, investigative Journalistin und Buchautorin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit der Extremismusforschung und geht den gesellschaftlichen Mechanismen und Ursachen von Radikalisierung auf den Grund. Die Autorin ist am Dienstag, 14. März, 18.30 Uhr, im Rahmen der gemeinsamen Vortragsreihe der Volkshochschule Wilhelmshaven und der „Wilhelmshavener Zeitung“ zu Gast im Hans-Beutz-Haus an der Virchowstraße und stellt ihr Buch „Massenradikalisierung – Wie die Mitte Extremisten zum Opfer fällt“ vor.

Frau Ebner, wie sind Sie in die Extremismusforschung eingestiegen?

EbnerVor sieben Jahren habe ich damit begonnen, mich tiefer mit dem Thema Terrorismus und Radikalisierung zu beschäftigen. Zunächst habe ich Forschungsarbeit zu dschihadistischen Strömungen gemacht und bin dadurch auch auf die wechselseitige Wirkung, die zunehmende rechtsextreme Radikalisierung gekommen. Ich wollte die Effekte, die dschihadistische Anschläge ausgelöst haben, näher untersuchen.

Worum geht es bei ihren neueren Veröffentlichungen?

EbnerDanach habe ich mich tiefer mit dem Einfluss neuerer Technologien auf die Radikalisierung beschäftigt, den Effekten von sozialen Netzwerken und anonymen Kommunikationsmitteln wie Telegram. In meinem aktuellen Buch habe ich hingegen meine größte Sorge in Worte gefasst. Mit großem Schreck konnte ich in vergangenen Jahren beobachten, wie Verschwörungsmythen und extremistische Ideologien, welche früher nur in versteckten, kleinen Communitys auftraten, immer mehr in die Mitte der Gesellschaft durchgesickert sind.

Wie machte sich dies bemerkbar?

EbnerWir konnten das im Zuge der Pandemie und weiterer Krisen wie dem Krieg in der Ukraine und der Energiekrise beobachten. Es ist in der Bevölkerung viel Ärger gegenüber der Politik entstanden, ebenso ein Informationsvakuum, das von Falschmeldungen, Halbwahrheiten und Verschwörungsmythen gefüllt werden konnte. Dadurch sind viele rechtsextremistische Bewegungen stark gefördert worden.

Was macht Menschen besonders anfällig dafür, sich zu radikalisieren oder Verschwörungstheorien anzuschließen?

EbnerOft werden diejenigen Menschen gezielt angesprochen, die am stärksten unter den Konsequenzen von Krisen leiden. Wer sich auf wirtschaftlicher Ebene bedroht fühlt oder in seiner psychischen Gesundheit zum Beispiel von Ängsten und Einsamkeit betroffen ist, ist besonders anfällig. Diese persönlichen Frustrationen und Bedürfnisse werden dann verknüpft mit gesamtgesellschaftlichen Theorien und Erklärungen. Verschwörungstheorien erfüllen für ihre Anhänger also immer auch einen tieferen psychologischen Zweck.

Welche Möglichkeiten gibt es, die Verbreitung solcher gefährlicher Ideologien zu unterbinden? Sind die vielfach angebotenen „Faktenchecks“ sinnvoll?

EbnerWichtig ist, dass Fakten in kurze, prägnante und visuell gut zugängliche Inhalten in sozialen Netzwerken transportiert werden, also so präsentiert werden, dass sie auch bei jüngeren Generationen gut ankommen. Viele Kampagnen gegen Falschinformationen hatten auch durch die Kooperation mit Influencern großen Erfolg.

Und was ist, wenn eine Person bereits einem Verschwörungsmythos anheim gefallen ist?

EbnerWenn Menschen bereits an solche Mythen glauben, ist das nur schwer umzukehren. Dann kommt man mit rationalen Fakten nicht weit, sondern muss an die emotionale Ebene appellieren. Man kann beispielsweise versuchen, die unterliegenden Bedürfnisse dieser Menschen zu verstehen und auf sie einzugehen.

Haben sich die propagierten Verschwörungsmythen auch inhaltlich verändert?

EbnerWir können beobachten, dass alte Mythen, die teilweise ihre Ursprünge vor Jahrhunderten hatten, jetzt mit neuen Verschwörungsnarrativen zu aktuellen politischen Ereignissen verknüpft werden. Als Beispiel wären immer wieder auftretende antisemitische Narrative zu nennen. Während der Corona-Pandemie entwickelte sich die „QAnon“-Bewegung als eine Art Leitnarrative, die viele bereits vorhandene Verschwörungsmythos-Bewegungen unter sich vereinen konnte. Onlineplattformen bieten den Mitgliedern solcher Strömungen zudem die Möglichkeit, sich stärker einzubringen. Die Anziehungskraft von solchen interaktiven Verschwörungscommunities ist enorm groß, da sie zugleich auch Zugehörigkeit, Ablenkung und ein neues Zweckgefühl anbieten.

Teilweise werden solche Gruppierungen auch durch externe Kräfte gefördert,

EbnerOft überlappen sich die Interessen von staatlichen Akteuren, wie aktuell dem Kreml, und extremistischen einheimischen Bewegungen. Da es beispielsweise in Russlands Interesse ist, Europa zu destabilisieren, werden die radikalen Ränder durch russische staatliche Medien, Kampagnen und Trollarmeen gefördert. So soll geholfen werden, die Machtverhältnisse zu erschüttern und die Gesellschaft zu spalten. Die Zusammenhänge sind allerdings nur schwer auf die Hintermänner zurückzuführen, weil solche Desinformationskampagnen oft über mehrere Ecken funktionieren. Es ist eine Art von Propaganda, mit der sehr viele Staaten arbeiten, weil sie im Ausland Einfluss ausüben wollen.

Sie treten bei Ihrer investigativen Arbeit auch in direkten Dialog mit Extremisten. Hat das schon dazu geführt, dass sie als Autorin nach Veröffentlichung ihrer Ergebnisse selbst bedroht wurden?

EbnerDas passiert leider immer wieder. Teilweise sind darunter explizite Mord-Drohungen oder sexuelle Drohungen. Zu beobachten ist, dass man als Frau anders bedroht wird als die männlichen Wissenschaftler, mit denen ich zusammenarbeite. Kommentare sind oft sexistischer und implizieren öfter sexuelle Gewalt.

Nehmen solche Hasskampagnen ebenfalls in der Allgemeinheit zu?

EbnerDas ist ein Phänomen, das sich gut beobachten lässt. Es gibt immer mehr Einschüchterungsversuche gegen Politiker, Journalisten und politisch aktive Frauen. Das kann den Effekt haben, dass sich diese Menschen von kontroversen Themen komplett fernhalten und ihre Tätigkeit nicht mehr so ausüben, wie es vorher der Fall war. Viele leiden in der Folge auch unter Angstzuständen und Depressionen.

Hendrik Suntken
Hendrik Suntken Lokalredaktion, Wilhelmshavener Zeitung