Malte Kirchner: Juliane und Michael, Ihr seid aufgewachsen, als die deutsche Teilung schon Geschichte war. Spielte das Thema in eurem Leben noch eine Rolle, bevor es euch über Geschichtsunterricht, Dokumentationen oder WZ-Serien erreichte?
Juliane Minow: Bei mir eher wenig. Meine Eltern kommen zwar aus Mecklenburg-Vorpommern, ich selbst bin aber nach dem Mauerfall 1993 in Hamburg geboren und in Stade aufgewachsen. Für mich war Deutschland immer ein geeintes Land, das ich nie als geteilt wahrgenommen habe. Außer in ein paar Situationen in meiner Jugend. Da habe ich durch meinen familiären Hintergrund manchmal festgestellt, dass ich ein bisschen anders bin als die anderen (lacht).
Kirchner: Wann denn zum Beispiel?
Minow: Ich habe teilweise andere Wörter benutzt als meine Freunde. Zu Haargummi habe ich Zopfhalter gesagt. Und als wir mal im Kino waren und ich mich über mein „Trinkröhrchen“ gefreut habe, hat meine beste Freundin Franca mich nur amüsiert angeguckt und gesagt: Scheiß-Ossi.
Kirchner: Michael, kennst du auch solche Wörter, auf die du angesprochen wurdest?
Hacker: Erst kürzlich gab es solch eine Situation wieder, weil man hier Pfannkuchen statt Eierkuchen sagt. Auch mit dem Gericht Kohl-Hack konnten hier einige Leute nicht viel anfangen. Das sind dann wohl doch eher ostdeutsche Bezeichnungen für einige leckere Speisen.
Kirchner: Du kommst ja eher aus einer ländlichen Region im Osten. Wie hast du die Veränderungen rund um die 1990er Jahre selber erlebt?
Hacker: Als ich 1988 geboren wurde, gab es die DDR ja nur noch kurze Zeit, da ist natürlich nicht mehr viel hängen geblieben. Aus Erzählungen weiß ich aber, dass meine Eltern beispielsweise mehrere Jahre auf ein Auto warten mussten. Mein Patenonkel aus Westberlin hat uns damals auch das ein oder andere Westpaket geschickt, sowas bleibt dann doch in Erinnerung. Dadurch hat man eher gemerkt, dass es irgendwie Unterschiede gibt, die man als Kind aber doch nicht so realisiert, da man in einem Gebiet lebt und in seiner Umgebung aufwächst – man kannte es ja auch nicht anders. Das andere ist irgendwie dann auch noch zu fern, um sich darüber Gedanken zu machen. Als Kind fällt der Blick auf ein einheitliches Deutschland deutlich schwerer als für einen Jugendlichen oder Erwachsenen.
Kirchner: Wie war es denn in Röbel/Müritz in der Zeit der DDR – auch im Vergleich zu heute?
Hacker: Also mit Blick auf den Fortschritt zu heute hat sich sehr viel getan. Es hat sich einiges zum Positiven entwickelt. Besonders erfreulich ist der Asphalt auf den Straßen, wo früher hauptsächlich Kopfsteinpflaster war. Da hat manches Auto auf der rutschigen Fahrbahn Bekanntschaft mit der Fassade meines Elternhauses gemacht und uns teils aus den Betten geschüttelt. Die Zeiten sind zum Glück vorbei. Ohnehin ist die gesamte Stadt deutlich attraktiver und moderner geworden – und auch ziemlich beliebt bei Urlaubern.
Kirchner: Wie wirkte sich die Wende auf das Familienleben aus?
Minow: Aus Erzählungen weiß ich, dass meine Eltern damals gar nicht so euphorisch waren, als die Mauer gefallen ist. Ich vermute, es liegt daran, dass sie auf die Welt kamen, als es die Mauer schon gab und sie daher weniger den Wunsch nach einer Wiedervereinigung hatten. Nach der Wende hat mein Vater sich eher Gedanken gemacht, wie es weitergeht. Aus beruflichen Gründen sind meine Eltern dann doch irgendwann nach Hamburg gezogen. Auf das Familienleben hat sich die Wende vor allem dahingehend ausgewirkt, dass die Distanz zu Oma, Opa, Tanten und Onkeln größer war. Die sind nämlich im Osten geblieben.
Kirchner: Ihr seid möglicherweise in der Jugend – oder auch heute noch – mit eurer Herkunft konfrontiert worden. Ist die Ost-West-Unterscheidung in eurer Generation etwas Unfaires?
Hacker: Ich sehe das alles eher mit einem lachenden Auge. Da ich ja wirklich im Osten aufgewachsen bin, kenne ich diese Vorurteile wohl noch eher als Juliane. Es gibt ja genug Sprüche: Wo ist Ost, wo ist West? Leg eine Banane auf die Mauer, schau wo abgebissen wurde und du weißt, wo Osten ist – oder man als Rübergemachter bezeichnet wird. Aber ich schmunzle da eher drüber. Vor 25 Jahren hätten die Leute möglicherweise nicht so entspannt reagiert. Ich sehe es nicht als beleidigend. Minow: Meiner Erfahrung nach ist das in unserer Generation gar nicht mehr so ein großes Thema – wobei ich natürlich auch aus der Sicht von jemandem spreche, der aus dem ehemaligen Westen kommt. Ich beobachte dieses Ossi-Wessi-Ding eher bei Leuten, die geboren sind, als die Mauer noch stand. Die Generation, die danach kam, trägt in meinen Augen eher dazu bei, dass Deutschland wieder zusammenwächst.
Kirchner: Ist die Wiedervereinigung erst vollendet, wenn es nur noch Menschen in diesem Land gibt, die es nicht mehr anders kennen?
Hacker: Es wird wohl immer Leute geben, die durch Erzählungen im Hinterkopf haben, es gibt Ost und West. Bis es so richtig aus dem Gedächtnis der Menschen verschwindet, wird es noch ewig dauern. Wenn man es genau nimmt, sind die Unterschiede nach wie vor zu sehen. Das geht bei den Gehältern los, aber auch die verschiedenen Aussprachen der Uhrzeit. Was hier Viertel nach Neun ist, heißt im Osten Viertel Zehn. Irgendwie bleibt immer was von damals hängen.
Kirchner: Wir sind hier im äußersten Nordwesten der Republik. Wie ist nach eurem Empfinden das Ansehen von Ostdeutschland in dieser Region?
Hacker: Ich habe durchaus schon häufiger gehört, dass Ostdeutschland eine Reise wert ist. Ob nach Rügen oder an die Mecklenburgische Seenplatte. Minow: Ja, das stimmt, wobei ich das Gefühl habe, dass der Osten einen ähnlichen Ruf hat wie für einige Menschen Wilhelmshaven: Ein Ort, an dem du Urlaub machen kannst, aber wo du nicht leben möchtest. Klar gibt es die Ostsee, Rügen, die Müritz oder Usedom, aber auf der anderen Seite hört man oft von Städten, die aussterben oder ähnlichem. Auch, dass der Rechtspopulismus im Osten so stark ist, trägt nach meinem Empfinden nicht zum Ansehen bei. Außerdem habe ich schon gehört, dass Leute sich darüber beschweren, wenn der Osten in Sachen Straßen oder Bauen mehr unterstützt wird als der Westen.
Kirchner: Viele Generationen haben heute gar kein Gefühl mehr, wie sich das damals anfühlte. Sollte die deutsche Teilung stärker an das Bewusstsein junger Menschen gerückt werden?
Minow: Ich denke, Aufklärung über geschichtliche Zusammenhänge ist immer eine gute Sache. Bei mir war das Thema DDR im Geschichtsunterricht allerdings schon sehr präsent. Auch meine Eltern erzählen mir oft von früher, weshalb ich mich in dieser Hinsicht nicht unzureichend informiert fühle. Das hat mir aber auch gezeigt, wie wertvoll und spannend Zeitzeugenberichte sind. Gerade DDR-Zeitzeugen gibt es ja noch sehr viele. Vielleicht könnte man diese und junge Leute stärker in einen Austausch bringen – in der Schule oder anderswo. Hacker: Ich habe gerade überlegt, wie es bei mir im Geschichtsunterricht war. Ein Thema war es definitiv, aber die Weltkriege, Napoleon und die Französische Revolution wurden deutlich größer aufgezogen. Möglicherweise ist es gebietsabhängig, wie es im Unterricht behandelt wird. Daher kann ich nicht beurteilen, ob es ausreichend ist. Minow: Bei uns war die DDR nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich das größte Thema im Geschichtsunterricht. Wir hatten aber auch einen tollen Lehrer.
