Wilhelmshaven/Zetel - Russlands Angriff auf die Ukraine hat die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen seit dem 24. Februar 2022 radikal verändert, stellt das Bundesverteidigungsministerium fest. Dies mache die Beschaffung zusätzlicher Munition notwendig. Medien berichten über schwere Waffen, Munitionsvorräte – und die Menschen hören plötzlich wieder von Panzern und Flugzeugen, aber eben auch Artilleriemunition, Flugkörpern oder Raketen. Die Bereitstellung von Munition für Einsätze und Ausbildung mit dem Schwerpunkt Schiffe der Einsatzflottille 2 ist der Auftrag des Munitionslagers Zetel. Außerdem müssen die Experten dort sicherstellen, dass die Schiffe bei ihren Seefahrten und Auslandseinsätzen bei Bedarf mit Munition nachversorgt werden. Darum kümmert sich Kapitänleutnant Ronny Köhn mit seinen insgesamt 68 Soldaten und zivilen Mitarbeitern.
Das Munitionslager Zetel gehört zum Munitionsversorgungszentrum Nord. Dessen Stab hat seinen Sitz im Munitionslager Laboe, weitere Lager befinden sich in Aurich, Boostedt, Wilhelmshaven (Torpedo-Teststelle im Stützpunkt) und Den Helder (Niederlande).
Unterstellt ist das Munitionsversorgungszentrum wie die anderen ortsfesten logistischen Einrichtungen dem Logistikzentrum der Bundeswehr mit Hauptsitz in Wilhelmshaven.
Das Munitionslager Zetel ist rund 180 Hektar groß, unterteilt in den Verwaltungsbereich (z.B. Stab, Feuerwehr, Fahrzeughallen) und dem „gefährlichen Betriebsteil“, der besonders gesichert ist. Hier stehen 92 Munitionslagerhäuser mit einer Netto-Lagerfläche von 6550 Quadratmetern. Der äußere Zaun ist 6,7 Kilometer lang und wird unter anderem mit Hundestreifen überwacht.
Hier lagert verschiedenste Munition
Der 45-Jährige ist seit sechs Jahren Betriebsleiter und Kasernenkommandant. „Wir lagern hier Rohrwaffenmunition von 20 Millimeter bis zum Kaliber 127 Millimeter für das Bordgeschütz der Fregattenklasse F125“, sagt er. „Außerdem vor allem Flugkörper für das Nahbereichsverteidigungssystem RAM, aber auch andere Luftziel- und Seezielflugkörper für unsere verschiedenen Fregatten.“ In einigen der geschützten 92 Munitionslagerhäuser lagern zudem Ankertau- und Grundminen, in anderen sogenannte Querschnittsmunition für Handfeuerwaffen oder Handgranaten. In ungeschützten Hallen werden Packmittel wie Gitterboxen, Holzkisten und Spezialbehälter für alle Arten von Munition gelagert.
Der Chef nennt keine Zahlen, aber versichert: „Unsere Lagerhäuser für Munition sind gut gefüllt!“ Und für einen steigenden Bedarf sei auf dem Gelände des Munitionslagers Zetel noch Platz für 36 weitere Lagerhäuser ermittelt worden.
Andy Wenning (l.) und Kapitänleutnant Ronny Köhn vor Treibladungen für die 127-mm-Geschosse.
Michael Halama
Blick in eines der Lagerhäuser mit 76-mm-Munition für die Geschütze der Fregatten.
Michael Halama
Für Ausbildungszwecke gibt es eine umfangreiche Munitionsmustersammlung, die derzeit überarbeitet wird.
Michael Halama
So sollen in einigen Jahren alle 92 Lagerhäuser aussehen: Das bereits mit dem neuen Blitzschutz ausgestattete Munitionslagerhaus.
Michael HalamaJedes Stück wird überprüft, vieles gewartet
Wer nun meint, die gesamte Munition wird dort lediglich angeliefert, eingelagert und bei Bedarf mittels Stapler auf Lkw geladen und an den Kunden in der Flotte ausgeliefert: weit gefehlt. „Die gesamte Munition durchläuft bei uns eine gewissenhafte Eingangs- und Ausgangsuntersuchung, gerade dann, wenn etwa die Packmittel angebrochen sind. Hier in Zetel führen wir an den Flugkörpern und Seeminen Funktionstests durch, nehmen bei Bedarf Umbauten vor oder tauschen Baugruppen aus – das ist ein Alleinstellungsmerkmal.“
Und so unglaublich es klingt, an Bord kommt nur Munition, die zuvor von ausgebildeten Feuerwerkern Stück für Stück untersucht worden ist. Egal, ob 27-Millimeter oder Großkaliber.
„Zu meiner Zeit als Artilleriewaffenmeister auf einer Fregatte ist zum Beispiel eine 76-mm-Übungsgeschoss aus dem Turm nach unten gefallen – zum Glück ist dabei nichts weiter passiert. Dann wurde festgestellt, dass eine gesamte Los-Nummer dieser Munition fünf Millimeter zu kurz war und vernichtet werden musste. Seitdem wird bei uns auch die Länge der Geschosse überprüft“, berichtet Köhn. Das geschieht im sogenannten Arbeitshaus für Rohrwaffenmunition. „Hier überprüfen wir von außen jedes Geschoss in verschiedenen Schritten, darunter in einer Ladefähigkeitslehre. Die ist in ihrem Durchmesser so exakt gefertigt, dass sie ein korrekt gefertigtes 76-mm-Geschoss aufnimmt. Ein Streifen Tesafilm an entsprechender Stelle - und sie passt nicht mehr“, erklärt anschaulich der stellvertretende Arbeitsstellenleiter Andy Wenning. „Ganz wichtig ist, dass man nie den Respekt vor der Munition verliert“, sagt der erfahrene Experte, der auch als Ausbilder sein Wissen gerne weitergibt.
In die Infrastruktur wird investiert
Das weitläufige Gelände unweit von Zetel ist dicht bewaldet und selbst die Munitionslagerhäuser sind mit Bäumen und Unterholz bewachsen. Bis auf eines: da ragen hohe Metallmasten statt Nadelbäume in den Himmel. „In den nächsten Jahren werden hier einige Lagerhäuser saniert und die Munitionslagerhäuser erhalten eine zeitgemäße Elektrik sowie neue Blitzschutzanlagen. Um den Zeitbedarf vom Abholzen über das Abtragen des Bodens bis zur Montage des Blitzschutzes einschätzen zu können, haben wir das an diesem Munitionslagerhaus bereits erprobt“, erklärt der Rostocker Ronny Köhn. Gegenüber von seinem Stab steht schon ein Rohbau für die neue Feuerwache. „Eines von vielen Infrastrukturvorhaben, mit denen wir dieses Lager zukunftsfähig aufstellen.“
