WZ Frau Zahn-Claus, wie trauern Kinder?

Silvia Zahn-Claus Sehr unterschiedlich und ganz anders als Erwachsene. Es gibt Kinder, die sich sofort öffnen und darüber sprechen. Andere lassen sich gar nichts anmerken und versuchen das mit sich selbst auszumachen. Ich hatte schon Anrufe von Betroffenen, da war die Oma bereits vor einem Jahr gestorben. Das Kind hatte anfangs gar keine Trauer gezeigt, später fing es an sich zurückzuziehen. Bis dahin hatte das Kind nie richtig getrauert. Diese Kinder wollen ganz stark sein und die verbliebenen Angehörigen schützen. So kann es vorkommen, dass sie plötzlich in eine Erwachsenenrolle geraten und funktionieren nur noch. Irgendwann bricht sich dann auf einmal die Trauer aber doch Bahn.

WZ Was raten Sie Familienangehörigen: Wie sollen sie Kindern gegenüber mit einem Todesfall in der Familie oder Freundeskreis umgehen?

Zahn-Claus So offen wie nur möglich. Oft ist es aber so, dass der verbliebene Elternteil die Kinder so weit wie möglich aus allem heraushält. Sicher mit dem Gedanken, das Kind schützen und nicht belasten zu wollen.

Häufig sind Angehörige selbst zu sehr in Trauer und bringen die Kraft oder Zeit für das Kind nicht auf. Oft haben sie einfach auch keine Worte für das was sie fühlen, sind überfordert mit eigenen und den Gefühlen der Kinder. Sie haben schlichtweg Angst etwas falsch machen zu können.Genau deshalb gibt es die Trauerbegleitung. Das bringt Erleichterung für alle und entspannt die schwere Zeit der Trauer.

WZWie erkläre ich einem Kind, dass ein geliebter Mensch gestorben ist?

Zahn-ClausZunächst sollten wir Erwachsenen wissen, dass Kinder stärker sind, als wir glauben. Ich erkläre ihnen zum Beispiel ganz ruhig, was mit dem Körper passiert, wenn ein Mensch stirbt. Ich erzähle ihnen, dass das Herz aufgehört hat zu schlagen, weil Mama oder Papa so krank waren, dass sich der Körper nicht mehr erholen konnte.

In vielen Familien läuft es aber anders: „Oma ist eingeschlafen und jetzt im Himmel“ – diese Erklärung hört man sehr häufig. Dabei macht gerade dieser unscheinbare Satz insbesondere kleinen Kindern Angst. Die gehen abends ins Bett mit dem Gedanken, dass sie nach dem Einschlafen ebenfalls nie mehr aufwachen werden.

WZ Sollten Kinder dabei sein, wenn die Familie von einem Angehörigen Abschied nimmt?

Zahn-Claus Ja – wo immer es möglich ist. Eine echte Verabschiedung ist wichtig. Viele denken, ein Kind sei dafür zu klein. Sie benötigen aber einen Abschiedsort. Der Abschied muss für sie spürbar sein, sonst bleibt eine große Lücke. Wenn ein Kind den Wunsch hat dabei zu sein, sollte es nach Möglichkeit erfüllt werden. Am besten ist, sich eine Vertrauensperson dazu zu holen, so dass sie beim Kind sein kann, wenn die Situation für den Elternteil schwierig wird.

WZ Wie sind Ihre Erfahrungen – wie reagieren Kinder auf diese Situation?

Zahn-ClausWie gesagt: Kinder sind stark. Das wird mir immer wieder bewusst, wenn ich selbst kleine Kinder über den Tod sprechen höre. Erst vor Kurzem habe ich eine Familie begleitet, darunter eine achtjährige Tochter. Das Mädchen sagte ganz ruhig zu mir, dass sie froh darüber sei, dass ihre Mama gestorben ist. Im ersten Moment musste ich schlucken. Aber die Tochter hat es natürlich anders gemeint: Das Mädchen weiß jetzt ganz sicher, dass die Mama keine Schmerzen mehr hat und im Himmel ist. Das waren große und so erwachsene Worte. Und es zeigt, dass wir Erwachsenen mit unseren Kindern über den Tod reden können.

WZ Der Tod ist ein Tabuthema. Warum eigentlich?

Zahn-ClausDas Thema ist mit vielen Ängsten behaftet. Ich erlebe immer wieder das nicht gerne über den Tod gesprochen wird. Über den Tod spricht deshalb keiner gerne. Das finde ich schade, weil er zum Leben dazugehört. Dabei wäre es viel besser, offen darüber zu sprechen. Und auch nicht erst dann, wenn ein Familienmitglied oder Freund gestorben ist.

In meinen Gesprächen bemühe ich mich deshalb darum, diesen Schrecken zu nehmen: Es ist schmerzhaft, einen lieben Menschen zu verlieren, das Thema sollte aber trotzdem nicht mit Angst besetzt sein.

Stephan Giesers
Stephan Giesers Lokalredaktion, Wilhelmshavener Zeitung