Wilhelmshaven - Die Stadt Wilhelmshaven hat eine ganz besondere Rolle im Wilhelminischen Kaiserreich und in der Ära des Imperialismus gespielt. Der preußische Kriegshafen war Ausgangspunkt von „Expeditionen“ in die weite Welt. Der Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, die deutsche Beteiligung an der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China. Spuren der kolonialen Vergangenheit lassen sich noch heute im Stadtbild erkennen. Unter anderem in der Christus- und Garnisonkirche, die nach den Worten von Pastor Bernhard Busemann ganz bewusst die Sicht der Opfer neben die Sicht der Militärs gestellt hat.

Ist der Kolonialismus überwunden? Oder wirkt die Zeit der Unterdrückung und Ausbeutung der häufig schwarzen Menschen bis heute nach? Gibt es eine Linie vom Kolonialismus zum Rassismus? Und welche Rolle spielt Wilhelmshaven dabei? Wurde die Kolonial-Geschichte in der Stadt schon hinlänglich aufgearbeitet?

Zumindest in der Antwort auf die letzte Frage waren sich die Teilnehmer am ersten „Runden Tisch Kolonialisierung/Dekolonialisierung“ einig. Es gebe noch jede Menge Handlungs- und Gesprächsbedarf, sich in der Stadt mit dem Thema Kolonialisierung auseinanderzusetzen, hieß es auf der Sitzung, zu der Dr. Wiebke Janssen die Teilnehmer im Stadtarchiv begrüßte. Die Prognose von Wilma Nyari, Wahl-Wilhelmshavenerin mit schwarzer Hautfarbe und Organisatorin des „Rundes Tisches“: „Das Thema wird uns noch sehr lange beschäftigen.“

Wie Dr. Sven-Hinrich Siemers, Leiter des Küstenmuseums, sagte, durchsuche man derzeit die Bestände des Museums nach Exponaten, an die Vorbesitzer möglicherweise durch Raub oder militärische Aktionen gekommen sind. Anknüpfungspunkt ist dabei auch die laufende Ausstellung „Tsingtau und Wilhelmshaven – von Kolonie zu Kolonie“.

Dr. Stephan Huck, Leiter des Deutschen Marinemuseums, regte an, im Stadtgebiet von Wilhelmshaven auf Spurensuche zu gehen. Nach seiner Einschätzung gebe es viele Punkte, die mit dem Kolonialismus zu tun haben und über die man sprechen sollte. Wichtig sei dabei ein Perspektivwechsel, sagte Ratsherr Andreas Tönjes – weg von der Sicht der Europäer hin zur Sicht der Opfer des Kolonialismus, zumeist „People of Colour“, die, so die Überzeugung von Wilma Nyari, bis heute unter Diskriminierung und Ausgrenzung zu leiden hätten. Für diesen Dialog, darauf wies Dr. Arendt Hindriksen (Horsten) hin, sei es aber unverzichtbar, nicht nur über Betroffene, sondern auch mit ihnen zu sprechen.


Aus Sicht von Hartmut Peters, Sprecher des Gröschler-Hauses (Jever), dem „ Zentrum für Jüdische Geschichte und Zeitgeschichte der Region“, wäre es ratsam, dass sich Wilhelmshaven diesem Kapitel seiner Geschichte stellt und an Bezüge zum Kolonialismus im Stadtbild erinnert.