Wilhelmshaven - Als radikale Rodungsarbeiten dafür sorgten, dass viele Sträucher, mögliche Brutplätze und Unterschlüpfe für Tiere auf brachliegenden Gewerbeflächen am Banter See zerstört wurden, war die Entrüstung groß. In der Stadt werden Rufe nach einem anderen Umgang mit Naturflächen laut. Doch was ist wirklich sinnvoll? Wir haben Vertreter von Bund und Nabu um ihre Einschätzung gebeten.
Imke Zwoch (Jahrgang 1961) engagiert sich vielfältig im Umwelt- und Naturschutz – u.a. als Vorsitzende der BUND-Kreisgruppe. Die Wilhelmshavenerin arbeitet als Sprecherin der Nationalparkverwaltung.
Maren Torhoff (Jahrgang 1973) ist Vorsitzende und Sprecherin des Naturschutzbunds (Nabu) Wilhelmshaven. Die Wilhelmshavenerin ist Kunsthistorikerin/Klassische Archäologie.
Der Aufschrei von BUND und Nabu war groß, als der städtische Eigenbetrieb GGS im November die Mäharbeiten auf brachliegenden Gewerbeflächen zum Beispiel am Banter-See-Park durchgeführt hat. Was ist aus Sicht des Naturschutzes schiefgelaufen?
Imke Zwoch Eigentümer und potenzielle Investoren haben Angst, dass sich der Bewuchs so entwickelt, dass die Fläche naturschutzwürdig wird und die Umwidmung zum Gewerbegebiet wieder mit mehr Aufwand verbunden wäre – Stichwort Kompensationsflächen. Deshalb wird präventiv immer alles platt gemacht. Das muss aus Sicht des Naturschutzes anders gehändelt werden. Möglicherweise muss auch die Gesetzeslage eine Veränderung erfahren. Mit Blick auf das Insekten- und Vogelsterben benötigen wir mehr Lebensräume.
Was kreucht und fleucht denn auf den brachliegenden Gewerbeflächen?
Maren Torhoff Vieles, was man auf den ersten Blick nicht sieht. Es sind zwar keine wildgewachsenen Flächen, die Eindruck machen. Aber jede Form von Wildwuchs ist ein wichtiger Lebensraum für Insekten, Igel, Vögel und andere kleine Tierarten – wesentlich auch für das Überleben einer Art. „Mäharbeiten“ klingt in diesem Fall auch etwas zu harmlos. Wenn man die Fläche pflegen wollte, würde man nicht einfach mit dem Mäher hinüberdreschen. Das Vorgehen war brutal und unbedacht.
Zwoch Es wurde ja nicht nur Wiese gemäht, sondern auch viel Brombeergebüsch, das leider nicht immer als schützenswert angesehen wird. Insekten finden Brombeeren aber ziemlich gut. Eier und Puppen überwintern in solchen Gehölzen und Hochstauden – die Insekten kommen im nächsten Frühjahr ja nicht einfach aus dem Nichts. Dieses Wissen muss sich noch mehr durchsetzen bei den Verantwortlichen.
Sie fordern stattdessen „Natur auf Zeit“. Was ist darunter zu verstehen?
Zwoch Nicht anlassfrei eine Fläche bis auf den Erdboden abmähen, sondern eine Möglichkeit finden, es so lange wie möglich wachsen zu lassen. Wir benötigen ein nachhaltiges Pflegekonzept: Nicht die ganze Fläche auf einmal mähen, vielleicht jedes Jahr ein Drittel und die restliche Fläche erst einmal weiter wachsen lassen. Für die Lebensraumvielfalt wäre das sogar interessant, verschiedene Stadien des Bewuchses zu haben.
Torhoff Umgestaltung mit Fingerspitzengefühl ist wichtig. Warum geht das nicht auf potenziellen Gewerbeflächen? Natur auf Zeit bedeutet dynamischer Naturschutz in Kooperation mit Unternehmen oder Eigentümern: Flächen werden unter Naturschutzbedingungen sich selbst überlassen, im Nutzungsfall werden die Veränderung fachmännisch und vor allem sorgsam begleitet. Im Stadtpark funktionierte dies als Beispiel sehr gut, wie man an den aktuellen Fällarbeiten der Pappeln am Ehrenfriedhof sieht. Jeder einzelne Baum wurde von Fachleuten genau geprüft und nichts dem Zufall überlassen.
Zwoch Bäume sind ein Dauerthema. Es ist ja nicht überraschend, dass Pappeln nach 100 Jahren sterben, da muss man vorausschauend planen. Das Ergebnis fehlender Nachpflanzungen sieht man eindrucksvoll in der Südstadt. Früher hatten viele Straßen dort Allee-Charakter. Zum Beispiel die Lahnstraße. Da sind viele Bäume weggekommen. Anwohner haben jetzt Blumenkübel hingestellt, das unterstreicht den Wunsch nach einem grünen Wohnumfeld, ist aber kein Ersatz für stadtbildprägende Straßenbäume.
Zurück zur „Natur auf Zeit“. Wie wollen Sie Kommunen und Investoren davon überzeugen?
Zwoch Es muss vertraglich geregelt sein, damit Unternehmen oder auch Kommunen Rechtssicherheit haben, dass Natur auf Zeit auch wieder beendet werden kann – ohne Nachteile: Die Grundstückseigentümer lassen der Natur auf potenziellen Gewerbeflächen freien Lauf, haben aber zugleich die Garantie, dass sie eingreifen dürfen, sobald ein Vorhaben konkret wird. Das sollte auch im Bundesnaturschutzgesetz geregelt werden.
Das Gesetz kann der Rat der Stadt nicht beeinflussen.
Zwoch Die bestehenden rechtlichen Rahmenvorgaben bieten durchaus Spielraum für kooperative Vereinbarungen. Dafür muss unsere Stadt das Rad nicht neu erfinden, sondern kann bei anderen Kommunen schauen, wie diese eine rechtliche Absicherung geschaffen haben. Im aktuellen Fall muss GGS der Politik ja überhaupt erst einmal die Chance einräumen, reagieren zu können. Da reicht es nicht, die Mäharbeiten wenige Tage vorher anzukündigen, ohne dass dann Zeit für eine Diskussion im Rat bleibt.
Und was erwarten die Umweltschutzverbände von der Kommunalpolitik?
Zwoch Der Rat muss sich die Planungshoheit zurückholen. Der Flächennutzungsplan gehört im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung dringend auf den Prüfstand. Der Landschaftsrahmenplan der Stadt Wilhelmshaven ist indessen von 2018. Da ist die Stadt auch richtig gut, den regelmäßig zu aktualisieren. Brachflächen, die für Bebauung vorgesehen sind, wurden allerdings nicht auf ihre aktuellen ökologischen Funktionen überprüft.
Torhoff Wir müssen ja nicht nur mit potenziellen Gewerbeflächen, sondern mit dem gesamten Grün sorgsamer umgehen. Seit Jahren setzen wir uns vom Nabu regelmäßig mit den städtischen Ansprechpartnern zusammen. Aktuelles Thema beträfe das Nachpflanzen abgeholzter Bäume. Dies ist vorgeschrieben, passiert aber zu vielen Gelegenheiten eher außerhalb Wilhelmshavens.
Was muss also passieren?
Torhoff Wir benötigen ein städtebauliches Gesamtkonzept, das wirklich alle Biotope miteinander verbindet und das große Ganze regelt. Wir dürfen nicht nur vereinzelte wildwachsende Ecken im Blick haben. Nehmen wir mal die Entsiegelung von Flächen und neue Pflanzbeete: natürlich sind Beete und Blühstreifen hübsch anzusehen – und nicht nur die Hummel freut sich über den Nektar. Aber was bringt es, wenn im Gegenzug Brombeerhecken etwa am Banter-See-Park ohne erkennbaren Grund abgeholzt werden und so der Lebensraum von Insekten zerstört wird? Das macht keinen Sinn.
Zwoch Wichtig ist es, rechtzeitig miteinander zu diskutieren – bevor etwas passiert. Genau deshalb wünschen wir uns, dass der „Runde Tisch Naturschutz“ wiederbelebt wird. Der war vor vielen Jahren gute und sinnvolle Tradition. Vertreter der Umweltschutzverbände und der Unteren Naturschutzbehörde, aber auch der Landwirtschaft oder Jägerschaft sind regelmäßig zusammengekommen.
Torhoff Die Stadt hat Potenzial: Auch im Grünen. Eine Stadt, die nur aus Gewerbeflächen besteht, ist gesichtslos. Es gibt so viele schöne und wilde Ecken in Wilhelmshaven, die es anderswo nicht gibt, die Besucher anziehen – rund um den Banter See oder auf der Schleuseninsel. Das sollte viel mehr gesehen werden. Neben dem historischen Kern: die Kombination Naturschutz und Denkmalschutz ist nicht zu unterschätzen.
Weitere Informationen unter www.bfn.de/natur-auf-zeit
