Wilhelmshaven - Während große Teile der Wirtschaft unter den Corona-Beschränkungen gelitten haben und zum Teil noch immer leiden, konnte sich die Natur erholen. Da tauchen plötzlich Tiere an Plätzen und in Gewässern auf, wo sie seit Jahren nicht mehr anzutreffen waren. Ja, sagt Peter Südbeck, Leiter der Nationalpark- und Biosphärenreservatsverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, das lasse sich tatsächlich auch in seinem Zuständigkeitsbereich beobachten. Daraus aber einen Trend abzuleiten, wäre seiner Meinung nach falsch.
Der gelernte Biologe teilt die bisherigen Erfahrungen mit der Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen in drei Phasen. „Anfang März wusste niemand, was auf uns zukommen wird“, erinnert sich Südbeck. Deshalb hab man seinerzeit die Ranger gezielt beauftragt, ein besondres Augenmerk auf Rückzugsgebiete der Tiere, insbesondere Vögel und Seehunde, zu richte. „Mit den Kontaktbeschränkungen sind gerade zu Beginn sehr viele Menschen zu Hause geblieben. Darauf hat die Natur reagiert und Flächen, die plötzlich nicht mehr von Menschen betreten wurden, genutzt. Das betraf beispielsweise verschiedene Zugvögel, aber auch Gänse, die dann im Deichbereich gebrütet haben.“
Es folgte Phase 2: Die Anwohner gingen wieder verstärkt nach draußen und „entdeckten ihre eigene Heimat neu“, wie es Südbeck formuliert. Das habe allerdings auch negative Auswirkungen gehabt. „Plötzlich waren die Leute an Enden unterwegs, wo sie nicht hingehören und aus Naturschutzgründen auch nicht hindürfen.“ Das habe sich in Phase 3 verschärft. „Als die Beschränkungen langsam wieder gelockert wurden, war das wie eine Schleusenöffnung. Menschen waren wieder massenhaft unterwegs.“ Glücklicherweise aber hätten die Ranger des Nationalparks und andere Naturschützer diese „massive Verdichtung“ durch viele Informationen und Gespräche vor Ort recht gutabfedern können.
Dass sich einige Vogelarten zuletzt neue Gebiete und Brutplätze erschlossen hätten, sei zweifelsfrei festzustellen, aber „nur eine Ansammlung von Einzelfällen. Es hat keine wirkliche Neuverteilung gegeben. Das wäre allerdings auch verwunderlich, denn dann hätten wir im Nationalpark in der Vergangenheit viel falsch gemacht“, sagt Südbeck.
Generell habe der „Lockdown“ der Umwelt natürlich gut getan. „Der CO2-Ausstoß ist deutlich zurückgegangen, aber zum Beispiel auch die Belastungen durch Licht – wegen des geringeren Autoverkehrs.“ Es seien jedoch alles Momentaufnahmen, betont der Biologe. Ob es nachhaltige Auswirkungen geben wird, lasse sich nicht sagen. Dafür müsse sich mal jeder selbst auf die Probe stellen, empfiehlt er. Entscheidend sei, das Bewusstsein für Natur und Umwelt, aber auch für die Region, zu stärken.
Interne Arbeitsprozesse der Nationalparkverwaltung sind durch die Corona-Krise ebenfalls stark beeinflusst worden. Wochenlang blieben die 17 Nationalparkhäuser geschlossen, Wattführungen durften ebenso wenig stattfinden wie andere Veranstaltungen. Zwar habe man viele digitale Angebote gemacht, um den eigenen Bildungsauftrag zu erfüllen. Aber letztlich „braucht Naturschutz den Menschen“, sagt Südbeck. Er sei zuversichtlich, noch in diesem Jahr große Veranstaltungen wie die Zugvogeltage Mitte Oktober durchführen zu können. „Wenn sich die Situation nicht grundlegend verschärft, finden sie statt!“
