Wilhelmshaven - Die Corona-Krise hat das Leben auf den Kopf gestellt und damit auch für besondere Herausforderungen in Beziehungen gesorgt. Paartherapeutin Simone Jankowski erklärt im Gespräch über Liebe unter Pandemiebedingungen, warum die Krise auch eine Chance sein kann.
Herausforderungen in der Corona-Pandemie
WZ: Vor welche besonderen Herausforderungen werden Paare durch Corona gestellt?
Simone Jankowski: Für sie kann eine große Herausforderung sein, dass viele Außen-Aktivitäten nicht möglich sind. Es beginnt mit Homeoffice. Auch das, was man sonst im Alltag tun konnte, um für sich zu sorgen, war eingeschränkt oder untersagt: Sport, Kino oder Theater. Kaum Gelegenheit aufzutanken – für sich, für die Beziehung. Eine besondere Herausforderung stellt es für Paare mit Kindern dar. Homeoffice und -schooling, Freizeitgestaltung: Es mussten und müssen neue Strukturen entwickelt, Aufgaben neu verteilt und dennoch Erholungsinseln geschaffen werden. Da kommen viele an ihre Grenzen.
Pandemie als Chance für Paare
WZ: Können diese Herausforderungen Paare auch zusammenschweißen?
Jankowski: Durchaus. Das sind aber eher Paare, bei denen der eine Part sehr nach außen orientiert ist, der andere gerne zurückgezogen agiert. Da kann die Pandemie neue Nähe bringen. Vor allem, wenn beide miteinander etwas anzufangen wissen. Dann besteht die Chance, sich neu bzw. anders zu begegnen, sich gemeinsame Paarzeit zu nehmen und Genussmomente zu erleben, die es vielleicht vor Corona nicht mehr in dieser Form gab.
Paartherapie kostet Mut
WZ: Worum geht es in einer Paartherapie?
Jankowski: Zunächst einmal: Ich ziehe vor jedem Paar den Hut, das den Mut hat, zur Therapie zu gehen. Es geht darum, Themen anzusprechen, die heikel sind, Verletzungen anzuerkennen, sich zu versöhnen, einen anderen Umgang miteinander zu lernen. Man offenbart sich, traut sich, sich zu zeigen – hoffentlich. Es fließen oft auch Tränen. Dann passiert beim Gegenüber viel: Berührung. Erstaunen. Irritation, aber auch Hilflosigkeit. Ein häufiges Problem ist, dass Paare nicht mehr miteinander reden können, es sofort knallt. Wichtig ist dann, das miteinander Reden und Hinhören zu lernen, Streit-Muster zu erkennen und zu durchbrechen.
Paarberatung geht auch vorsorglich
WZ: Ab wann ist eine Paartherapie in Betracht zu ziehen?
Jankowski: Nach meiner Auffassung – die teile ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen – sollten Paare schon ein oder zwei Jahre nach Beginn der Partnerschaft (vorsorglich) zu einer Paarberatung gehen. Dann hat sich die erste Verliebtheit gelegt, der Beziehungsalltag, vielleicht auch schon mit Krisen, Einzug gehalten. Beide können in einer Therapie schauen: Wo sind Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede? Was schätzen sie aneinander? Wie gehen sie damit um? Wie streiten sie miteinander? Wie tun sie sich gut? Wie achten sie aufeinander? Notwendig ist eine Therapie immer dann, wenn sich die Erkenntnis einstellt, dass die Partner über bestimmte Themen nicht mehr reden möchten, da Diskussionen mit Verletzungen enden, statt zu konstruktiven Lösungen führen. Das Vermeiden notwendiger Auseinandersetzungen aus Angst vor Verletzungen kann die Entfernung zueinander und Entfremdung voneinander wachsen lassen – und so die Beziehung gefährden.
Gute Partnerschaft ist nicht selbstverständlich
WZ: Das sind auch Fragen, die sich Paare vor einer Therapie stellen können. Was können sie noch tun?
Jankowski: Eine gute Partnerschaft ist nicht selbstverständlich, dafür muss man beständig etwas tun. Um gut beieinander zu bleiben, ist es wichtig, im Alltag aufmerksam zu bleiben, sich Wertschätzung zu signalisieren, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen – gleichzeitig den anderen aber nicht aus dem Blick zu verlieren. Wir gehen pfleglich mit unserem Körper um, damit wir lange gut erhalten bleiben. Warum lassen wir nicht auch unserer Partnerschaft unsere wohlwollende Pflege angedeihen, damit sie lange und gut erhalten bleibt?
