Wilhelmshaven - Viele Geschäfte und Wohnungen stehen leer, Wildkräuter wuchern auf Gehwegen: Die Lebensqualität im östlichen Stadtgebiet muss verbessert werden. Darüber waren sich alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion von Wilhelmshavener Zeitung und Radio Jade im Gorch-Fock-Haus am Dienstagabend einig. Neun Kandidaten aller Parteien und Wählergruppen, die im Wahlbereich Ost zur Wahl des Rates der Stadt am 11. September antreten, erläuterten vor rund 300 Zuhörern ihre Vorstellungen und Visionen.
Thema Gökerstraße und Bismarckplatz
Für eine kleinteilige Lösung, einen Mehr-Stufen-Plan sprach sich Norbert Schmidt (SPD) aus. Wir haben bisher zu großräumig gedacht, gestand er ein. Entscheidend seien aber die Finanzen. Und die sehen nicht gut aus.
Für eine effektivere Wirtschaftsförderung sprach sich Susanne Bauermeister (FDP) aus. Erstmal sollte der Bismarckplatz saniert werden.
Eine Markthalle auf dem Bismarckplatz regte Detlef Schön (Basu) an. Auch die Busspuren könnten verringert und der Platz begrünt und mit Sitzmöbeln ausgestattet werden.
Schön regte einen Stadtteilmanager an, der ähnlich wie in der westlichen Südstadt alle Maßnahmen und Wünsche koordinieren könnte. Auch sollte der ganze Bereich als Sanierungsgebiet ausgewiesen werden.
Für mehr Parkmöglichkeiten warb Brigitte Mengeler-Welly (Wilhelmshavener Bürgervereinigung). Die Bürger sollten mehr einbezogen werden. Dafür plädierten auch Udo Grubert (Freie Wähler) sowie Katja Breuer (Grüne). Grubert wünscht sich Gespräche mit Eigentümern und Kaufleuten sowie ein Stadtteilmanagement. Ähnlich wie Streetworker müssten die Personen auf der Straße unterwegs sein.
Breuer setzt sich dafür ein, dass Existenzgründern in der Anfangszeit geringere Mieten oder gar keine Miete abgenommen wird.
Trotz sinkender Kaufkraft seien immer mehr Einzelhandelsflächen ausgewiesen worden, argumentierte Andreas Wagner (CDU). Die Schandflecken im Bereich Gökerstraße/Bismarckplatz müssten beseitigt werden. Wir müssen genau hinschauen, woher das Geld kommen soll.
Die verlängerten Öffnungszeiten der Supermarktketten hätten die kleinen Einzelhändler kaputt gemacht, so Klaus Heckenbach (Linke).
Thema Schule und Sport
Das Neue Gymnasium am Mühlenweg wird ein Schmuckstück. Alle sind sich einig, dass die Investition von 15 Millionen Euro sinnvoll ist und sich nach einigen Jahren durch die Zusammenlegung zweier Gymnasien zu einem auch rechnen wird.
Kritik gab es am Ratsbeschluss, zwei Kunstrasenplätze zu bauen, einen an der Freiligrathstraße (WSC Frisia) und einen an der Güterstraße.
Es gibt noch mehr Sportarten in Wilhelmshaven als Fußball, sagte Wagner. Es sei unnötig, in jedem Stadtteil einen Kunstrasenplatz zu haben. Ferner solle ein Gebiet künftig vorher auf Altlasten untersucht werden (Gefundene Altlasten an der Güterstraße könnten zu einer Mehrausgabe von einer Millionen Euro führen, Anm. der Red.). Rausgeschmissenes Geld für Kunstrasen, fand Bauermeister. Mehr Kooperationen im Sport regte Schmidt an und verwies auf die geplante Zusammenlegung der Berufsschulen. Kritik am Kunstrasenplatz übten auch Büscher und Breuer.
Um mehr Geld für die Bereiche Schule und Sport zur Verfügung zu haben, sprach sich Schön dafür aus, die Zahl der städtischen Gesellschaften deutlich zu reduzieren und einen Gewinnabführungsvertrag zwischen Stadt und Sparkasse zu schließen.
Thema Lebensqualität
Das Villenviertel ist eine 1a-Lage zum Wohnen, wenige 100 Meter weiter verfällt die Bausubstanz. Die Diskussion entwickelte sich bei diesem Punkt weit über den Bereich Ost hinaus. Das Stadtbild müsse optisch verbessert werden, regte Grubert an. Die Vermieter müssten mehr in die Pflicht genommen werden, sagte Breuer. Um mehr Geld in die städtische Kasse zu bekommen, müssten alle Beteiligungen auf den Prüfstand, so Bauermeister.
Nur über Privatisierungen könne mehr Geld erlöst werden; als Beispiel nannte sie das Reinhard-Nieter-Krankenhaus. Dies trug der Liberalen allerdings heftige Kritik aller anderen auf dem Podium vertretenen Parteien und Wählergruppen ein. Es geht um unsere Versorgungssicherheit. Die Stadt wäre bei einer Privatisierung nicht mehr Herr über die Gesundheitsvorsorge, argumentierte Wagner. Deshalb wäre ein Verkauf mit ihm nicht zu machen.
Zurück zum Thema: Für ein besseres Wohnumfeld setzte sich Schmidt ein, der einen Quartiermanager forderte. Für innerstädtische Verdichtung sprach sich Schön aus. Beim Thema Privatisierung nannte er den Bereich Norderneystraße als Beispiel dafür, dass nach dem Verkauf der Wohnungen an einen Privaten die Mieten steigen und die Stadt keinen Einfluss mehr als die Stadtentwicklung habe. Heckenbach regte eine Leerstandssteuer an oder man müsse Häuser abreißen.
Die Stadt leiste sich nach Worten von Wagner buchstäblich eine Infrastruktur für mindestens 120 000 Bewohner, könne aber froh sein, wenn die 80 000er-Einwohner-Marke gehalten wird. Wenn wir uns die ganze Infrastruktur leisten, brauchen wir uns nicht über den schlechten Zustand von Straßen zu wundern, so Wagner. Er regte einen Stadtentwicklungsplan an.
Bessere Radwege und Zonen zum Verweilen vermisst Büscher. Er sprach sich für ein Freizeitzentrum aus.
Thema Textilhof
Gewerbe und Freizeit können im Textilhof an der Ulmenstraße gut nebeneinander bestehen. Das fanden Grubert und Büscher. Mengeler-Welly sieht dort eher eine Heimat für Freizeitaktivitäten.
Die Stadt solle sich laut Schön gerade um kleine und mittlere Betriebe kümmern. Planbarkeit für Investoren und eine nachhaltige Entwicklung, das forderte Breuer.
Heckenbach sieht im Textilhof viel Platz für Start-up-Unternehmen. Schmidt mahnte bei allen vernünftigen Vorschlägen eine vernünftige Finanzierung an. Bauermeister appellierte an die Bürger, sich - egal, wo in der Stadt - mehr zu engagieren.
Wagner sprach von einem Luxusproblem als habe man keine Auswahl an Gewerbeflächen. Eine Gewerbeansiedlung im Textilhof sei nicht sinnvoll. An dem Gebäudekomplex seien noch die letzten Kriegstreffer sichtbar.
