Wilhelmshaven - Wozu ein geblümter Nullachtfünfzehn-Campingstuhl gut sein kann, demonstriert Schauspieler Jeffrey von Laun in einer für ihn maßgeschneiderten Rolle des Sosias. Als Amphitryons Diener obliegt es ihm, die Ankunft seines Herrn zu verkünden und Alkmene mit Schlachtimpressionen zu beeindrucken. Mit diesem Stuhl klappert er dem Geschehen nach, bis der erste göttliche Doppelgänger, also Merkur, in Gestalt des Sosias die in Stein gemeißelte Bühne (assoziatives Bühnenbild von Angelika Wedde) betritt.
Cyril Manusch ist Merkur und er scheint eher dem Bolschoi-Theater, als dem himmlischen Olymp entsprungen. Lasziv und im Grundton boshaft verzaubert dieser Merkur sein Publikum. Kleine Showkämpfe, einem Pas de deux gleich, erfreuen durch Synchronität und Ironie. Für das schlichte Gemüt des Dieners Sosias ist die Sache mit der Identität so klar wie nur irgendetwas. Er weiß: Ich bin ich. Und wenn er für diese Behauptung Prügel bezieht, schleudert er seinem Peiniger entgegen: „Dein Stock kann machen, dass ich nicht mehr bin. Doch nicht, dass ich nicht ich bin, weil ich bin.“
Ein bisschen Verwirrung darf schon sein. Nur, was passiert, wenn sonst niemand erkennt, wer man zu sein glaubt? Sosias, Amphitryon und Alkmene machen die schmerzliche Erfahrung, dass manchmal aus heiterem Himmel nichts mehr so ist, wie es scheint. Oberspielleiter Sascha Bunge verliert trotz aller Irrungen und Wirrungen niemals den roten Faden, der seine Regiekunst auszeichnet: Das Werk vor Augen, den Schauspieler führend und das Publikum immer im Sinn. Bravo!
Versiert auch die Besetzung: Simon Ahlborn (Jupiter) ist der perfekte Doppelgänger, ein Wolf im Schafspelz, ein Hallodri, der ganz beiläufig seine Überlegenheit ausspielt, Menschen in größte Verzweiflung treibt und mit einem Fingerschnippen alles auflöst. Multiple Persönlichkeiten – Ahlborn kann das beängstigend gut. Konstanze Fischer verleiht ihrer Alkmene alle Naivität der Welt. Durchlässig und durchsichtig durchlebt sie die Gefühle einer liebenden Frau, die auch den göttlichen Liebhaber durchaus zu schätzen weiß. Erstaunlicherweise liebt Alkmene in Jupiter weiterhin Amphitryon. Selbst dann, wenn sie die beiden nicht mehr voneinander unterscheiden kann, ja am Ende sogar den falschen Amphitryon für ihren Mann hält: Der Gipfel an Schmerz und Demütigung für den Feldherrn, der sich vom Göttervater nicht nur um seine Ehe, sondern auch aus seinem „Ich“ gedrängt fühlt.
Stefan Faupel brilliert als Amphitryon. Erst langsam erkennt er die Zusammenhänge, um schließlich in schier grenzenlose Wut zu geraten. Denn immerhin hat ein Gott die Angetraute verführt. Darauf ein Schwanengesang, den Faupel in eindringlicher Manier zum Besten gibt. „Der Doppelgänger“, eingespielt von Simon Kasper. Dazu in der Parallelhandlung Aida-Ira El-Eslambouly, als Würstchen essende Dienerin und zuverlässige Komparsin mit kommentierenden Blicken. Für Helmut Rühl (Feldherr, Bruder der Alkmene) wird der Auftritt in braunem Liebestöter und Muskelpanzer mehr zum Spießrutenlauf mit Riesensperr – schon drollig. Die hundertminütige, pausenlose Inszenierung ist bei aller Tragik wirklich humorvoll, keine Sekunde langweilig und durchweg vielschichtiger, als es der Schauplatz zunächst andeutet.
Der Witz ist aber, dass wir bei allem ja doch auch sehen, was dahinter liegt. Nichts nämlich, die Probleme entstehen (meistens) nur im Kopf, was es kein Stück besser macht. Was bleibt ist ein „Ach“ – ob mit Ausrufe- oder Fragezeichen versehen bleibt offen. Das Spiel der Götter wird in dieser lustvollen Inszenierung zu einem wahrhaft irdischen Vergnügen.
