Wilhelmshaven - Slowakisch, Ungarisch, Tschechisch, Albanisch, Russisch, Serbisch, Englisch und Deutsch. Das ist nicht etwa eine willkürliche Aufzählung. All diese Sprachen spricht Zuzana Finger aus Wilhelmshaven. Die 63-jährige Sprachwissenschaftlerin übersetzt osteuropäische Literatur und hat dafür im vergangenen Jahr ein Übersetzungsstipendium vom niedersächsischen Kultusministerium erhalten.
Ausgezeichnet wurde ihre Übersetzung des albanischen Romans „Gurët e vetmisë“ von Tom Kuka. Eine Familiensaga über Vertreibung und Flucht der Çamen. Es sei schon eine besondere Ehre gewesen, dieses Stipendium zu erhalten. Denn normalerweise finden sich Übersetzer eher im Hintergrund wieder. „Aber das ändert sich und das ist auch gut so“, sagt Zuzana Finger. Die Übersetzung des Romans war nicht einfach. Insbesondere der mundartlich geprägte Wortschatz und typische Wortverbindungen seien eine Herausforderung gewesen.
Enger Kontakt zu Autoren
Doch darüber hinaus musste Finger intensive Recherche betreiben. Im Roman geht es auch um mythische osmanisch-albanisch-griechische Kultur, dafür hat die Übersetzerin sehr eng mit dem Autor zusammengearbeitet. „Man steht bei der Übersetzung oft in engem Kontakt zueinander und es hilft sehr, wenn man sich etwas kennt.“ Schließlich gibt der Autor sein Werk in die Hände der Übersetzerin. Damit gehe auch eine große Verantwortung einher und Finger verstehe, warum einige Autoren damit Probleme haben. „Ich treffe letztendlich die Entscheidung über jedes einzelne Wort und natürlich spielt meine Herkunft, mein Sprachgebrauch und meine Wahrnehmung dabei eine große Rolle.“
Dass sie aus dem Albanischen übersetzen kann, sei ein echter Vorteil für den Buchmarkt, doch oft müsse man für die Übersetzungen kämpfen. Sind die Werke bereits Bestseller in den Ländern, erhöhe sich die Chance, dass auch deutsche Verlage sie in ihre Programme aufnehmen. Die Arbeit als Übersetzerin ist jedoch zeitintensiv und manchmal auch ziemlich einsam, wie Finger findet. „Ich brauche dafür viel Ruhe und ein hohes Maß an Konzentration.“
In der Regel lese sie das zu übersetzende Werk einmal ganz und arbeite sich dann durch einzelne Kapitel. „Das sollte man zwar nicht tun, aber ich bearbeite die leichten Kapitel als erstes“, erzählt sie und lacht. Steht der eigene Name im Buch dann direkt unter dem Autorentitel, sei das echte Anerkennung.
Doch nicht nur Fingers Mehrsprachigkeit hilft ihr bei Übersetzungen, auch ihr ungewöhnlicher Lebenslauf.
Neuanfang in Berlin
In Šaľa kommt sie 1959 zur Welt. Die Kleinstadt liegt in der ehemaligen Tschechoslowakei, die 1992 zu den heutigen Staaten Tschechien, Slowakei und einem Teil der Ukraine wird. Die Stadt Šaľa gehört zur Slowakei. Zunächst studiert sie in ihrer Heimat Germanistik und Englisch auf Lehramt. Durch ein Stipendium gelangt sie Anfang der 80er Jahre nach Jena. Doch in der ehemaligen DDR ist es als Germanistikstudentin nicht einfach. „Uns fehlte oft der Zugang zur Literatur, einiges gab es schlicht nicht.“ Als sie 1983 ihren deutschen Ehemann heiraten will und zu ihm nach Westberlin flüchtet, entzieht man ihr das Stipendium. Finger bricht daraufhin das Studium ab und entscheidet sich für einen Neuanfang. An der TU Berlin studiert sie nun Slawistik und Balkanologie. „Das war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.“
Nicht nur, weil sie als Muttersprachlerin zahlreiche Vorteile hat.
Besonderes Jobangebot
Nach Abschluss des Studiums arbeitet sie einige Jahre an der Universität in Berlin, bis sie auf ein Angebot im Kosovo aufmerksam wird. Dort sucht der Deutsche Akademische Austauschdienst eine Lektorin, die Germanistik unterrichtet und Seminare gibt. „Mich hat diese Stelle einfach wahnsinnig gereizt und ich kannte das Land aus Studienzeiten.“
Sie sagt zu – und das, obwohl die 63-Jährige zu diesem Zeitpunkt bereits zweifache Mutter ist. Die Kinder bleiben in Berlin bei ihrem Vater. „Mein Sohn und meine Tochter haben mich oft besucht und bis heute eine besondere Beziehung zu diesem Land.“ Zwei Jahre bleibt die Sprachwissenschaftlerin im Kosovo, bis es sie zur nächsten Stelle nach Montenegro zieht. Erst danach kehrt sie nach Deutschland zurück.
Jadestadt jetzt Heimat
Die Leidenschaft für Sprache und Südosteuropa begleitet Zuzana Finger schon ihr ganzes Leben, dass es sie ausgerechnet nach Wilhelmshaven verschlagen hat, liege auch daran, dass sie unbedingt am Meer leben wollte. „Außerdem haben mein Mann und ich hier Freunde.“ In der Stadt fühlt sie sich mittlerweile zuhause und gibt neben ihrer Übersetzertätigkeit Tschechischkurse an der Volkshochschule.
Die Begabung für Sprache hat sie übrigens an ihren Sohn vererbt. Er ist Dolmetscher und spricht sechs Sprachen.
