Wilhelmshaven - Ärzte, die angegriffen oder vor Gericht gezerrt werden. Die nicht auf Listen auftauchen wollen und nicht darüber sprechen. Ein Schwangerschaftsabbruch ist und bleibt ein Tabuthema. Die Abschaffung des Paragrafen 219a soll das ändern. Als erstes positives Signal sieht das die Wilhelmshavener Beratungsstelle pro familia.

Informationen
für Frauen leichter

„Es werden sich durch die Abschaffung nicht mehr Gynäkologen entscheiden, diese Leistung anzubieten. Aber die es tun, können besser darüber informieren“, sagt Diplompädagogin Jana Rabsztyn von der Beratungsstelle pro familia. Veröffentlichten Gynäkologen bis vor Kurzem Informationen darüber, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch durchführen, machten sie sich strafbar. Künftig ist es durch die Abschaffung des Paragrafen Ärztinnen und Ärzten erlaubt, öffentlich darüber zu informieren, das und mit welchen Methoden sie Abtreibungen vornehmen.

Die Kritik, dass mit der Aufhebung des Paragrafen Frauenärzte womöglich mit Schwangerschaftsabbrüchen werben könnten, sieht die Sozialpädagogin von pro familia, Cathrin Schulz, nicht. „Für Frauen wird dadurch die Informationsbeschaffung viel einfacher.“ Denn wer eine ungewollte Schwangerschaft erlebt, steht vor vielen Fragen.

Große Wahlmöglichkeiten haben Frauen dabei grundsätzlich nicht. Zwar können Frauen entscheiden, ob sie eine Abtreibung operativ oder medikamentös vornehmen lassen. Dabei kommt es aber entscheidend auf die Schwangerschaftswoche an.


„Selbst wenn die Frau sich dafür entscheidet, den Eingriff operativ durchzuführen, steht sie als nächstes vor dem Dilemma, dass nicht jeder Gynäkologe eine Abtreibung operativ durchführt“, erklärt Schulz.

In Wilhelmshaven und im Landkreis Friesland gibt es nur zwei Möglichkeiten eine Schwangerschaft abzubrechen. Im Klinikum in Wilhelmshaven und in einer Arztpraxis in Jever werden diese Eingriffe vorgenommen. „Im Vergleich zu anderen Landkreisen sind wir damit gut versorgt“, sagt Rabsztyn.

Dass nur wenige Ärzte einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, liege auch, so erklärt es die Pädagogin, am Zeitmangel. „Es kann natürlich immer unterschiedliche Gründe geben, aber ein Abbruch nimmt sehr viel Beratungszeit in Anspruch, möglicherweise auch außerhalb der Behandlungszeiten.“ Da viele gynäkologische Praxen schon so am Limit sind, sei die Durchführung einer Abtreibung oft gar nicht leistbar.

Ein Schwangerschaftsabbruch sei nicht nur mit wahnsinnig vielen Tabus behaftet, sondern auch mit einigen Klischees, so Schulz. Denn in die Beratungsstelle, die man aufsuchen muss, wenn man eine Abtreibung vornimmt, kommen selten Frauen, die nur einfach mal nicht aufgepasst haben. „In der Regel haben wir hier Frauen sitzen, die sehr wohl verhüten und teils auch schon jahrelang mit der gleichen Methode und dann ist es doch passiert“, beschreibt Schulz. Einige davon hätten schon Kinder, trauen sich die Belastung mit einem weiteren Kind nicht zu oder stehen vor einem finanziellen Dilemma. Auch kommen Frauen in die Beratungsstellen, denen jahrelang gesagt worden sei, sie können keine Kinder bekommen. „Diese Frauen sind vielleicht 45 Jahre alt, haben mit dem Thema abgeschlossen und dann sind sie doch schwanger geworden.“

Abbruch immer
schwere Entscheidung

So unterschiedlich die Gründe auch sein mögen, aus denen Frauen abtreiben, eint sie das Treffen einer schweren Entscheidung. „Keine, aber auch wirklich keine, trifft diese Entscheidung leichtfertig“, betont Rabsztyn. „Selbst Frauen, die von Anfang an wissen, dass sie abtreiben werden, machen sich diese Entscheidung nicht leicht.“

Die Beratungsstelle pro familia hat im vergangenen Jahr 234 Beratungen durchgeführt. Ob die Frauen dann abgetrieben haben, darüber erhält die Einrichtung keine Auskunft.