Wilhelmshaven - Im Zuge der Reihe „Große Kleinkunst“ gastierte am Sonntag Eva Mattes im Provisorium 29. Der umjubelte Abend endete nicht nur mit Riesenbeifall, sondern auch mit einer Liebeserklärung der Künstlerin an Publikum und Wilhelmshaven.
Bevor sie jedoch auf die Bühne kam, erklang Merkwürdiges: das Lied „Hey Pippi Langstrumpf“. Was aber passte, denn die Tochter der Schauspielerin Margit Symo wollte von klein auf ihrer Mutter nachfolgen und schon als Kind begann sie damit als Synchronsprecherin und eben mit diesem Lied für die Fernsehserie.
Die Memoiren einer Eva Mattes
Munter, humorvoll und kein bisschen ambitiös las die vielfach ausgezeichnete Film- und Bühnendarstellerin spannende Passagen aus ihren Memoiren unter dem Titel „Wir können nicht alle wie Berta sein“. Die setzen mit frühen Erfolgen ein, wobei ihr Name gleich zweimal mit großen Skandalen verbunden war. Die sie aber nur immer bekannter und erfolgreicher machten.
Als 15-Jährige setzte sie Regisseur Michael Verhoeven als Vergewaltigungsopfer in dem Anti-Vietnamkriegsfilm „ok“ ein. Da habe sie doch gelinde Panik bei ihrer Ermordung empfunden – wie gut, dass Verhoeven außerhalb der Großaufnahme dabei ihre Hand hielt. Noch heftiger aber war dann der Schluss: ihre Peiniger warfen sie in die Isar. Es war April und das Wasser 5 Grad kalt. Doch von der Belohnung schwärmt sie noch heute, denn da durfte sie ein heißes Schaumbad bei Senta Berger, der Ehefrau von Verhoeven, nehmen.
Der Film wurde zum Skandal und ließ die Berlinale 1970 platzen. Auch der Schritt auf die große Theaterbühne sorgte für einigen Aufruhr. Da hatte sie der angesagte Dramatiker Franz Xaver Kroetz für sein Stück „Stallerhof“ empfohlen und die damals 17-Jährige spielte nicht nur sehr intensiv, sondern auch minutenlang nackt.
Auch mit Peter Zadek erlebte sie in Hamburg wilde Zeiten wie bei „Othello“ mit Tumulten bei jeder Aufführung. Wozu sie kauzige Details beisteuerte, wie jene vom arg schwitzenden, auf Afrikaner geschminkten Othello, der unübersehbar auf sie als Desdemona abfärbte.
Wenn Mattes berühmte Namen nennt, ist das kein eitles „Namedropping“. Als eine der markantesten Theaterschauspielerinnen hat sie tatsächlich mit allen Regisseuren und Kollegen gespielt, die Rang und Namen haben. Um bei Rainer Werner Fassbinder einen seltsamen Höhepunkt zu erleben: Im Film „Ein Mann wie Eva“ stellte sie den Kultregisseur dar. So als Pseudomann herumzulaufen sei schon eine seltsame Erfahrung gewesen, stellte sie dazu schmunzelnd fest.
Auch die Musik kam nicht zu kurz
Eva Mattes unterbrach die Lesung immer wieder für Liedvorträge, wo sie seit ihrer Zeit auf dem Hamburger Kiez besonders Hans Albers schätzt. Und ihre Interpretation von „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ klang so herb und ungekünstelt wie bei ihm. Doch auch Marlene Dietrich bedeutet ihr viel. Sie erzählte vom Versuch, die große alte Dame 1981 zu den Friedenskonzerten in Dortmund und Bochum zu gewinnen.
Eine gediegene Erfahrung per Telefon, obwohl sie sich einen Korb holte. Dazu warb Pianistin Irmgard Schleier, mit der Mattes nicht nur seit 50 Jahren befreundet ist, sondern auch zahlreiche musikalische Programme gemacht hat, für ein gemeinsames Programm um die Dietrich und die Erinnerungskultur. Deren berühmtes Lola-Lied von 1930 sang Mattes dem Original recht ähnlich. Zum Schluss spendete das Publikum so viel Beifall, dass sich die charmante und ungekünstelte Schauspielerin mit Hans Albers’ Lied „Der Himmel lässt uns nicht untergehen“ als Zugabe verabschiedete.
