Wilhelmshaven - Endlich angekommen, Ruhe gefunden – und vor allem endlich in Sicherheit: Vier Tage und vier Nächte war die alleinerziehende Mutter Julia Samyhia aus Kiew mit ihren beiden Kindern Roman (8) und Dominica (11) auf der Flucht aus dem ukrainischen Kriegsgebiet.
Inzwischen sitzt die 40-Jährige bei ihrer Mutter Svitlana Schmidt (60) in Coldewei auf der Wohnzimmercouch – sichtlich erleichtert und doch immer noch voller Sorge um die Menschen, die sie in Kiew zurücklassen musste.
Entscheidung zur Flucht innerhalb von einer Stunde
„Die Entscheidung zur Flucht fiel innerhalb einer Stunde“, erzählt ihre Mutter, die seit 2016 in Wilhelmshaven lebt und die vergangenen Tage vor Sorgen kaum aushalten konnte. Gemeinsam mit ihrem Mann Wilfried Schmidt setzte sie alles in Bewegung, um ihre Tochter und die Enkelkinder nach Wilhelmshaven zu holen.
Großmutter blieb in Kiew
Dabei wollte Julia Samyhia eigentlich in Kiew ausharren – vor allem wegen der pflegebedürftigen Großmutter. Die 86-Jährige wird von der gelernten Pflegerin betreut. Die Familie wohnt in einem Hochhaus im achten Stock. „Ein Zimmer hatten wir als Schutzraum mit Matratzen eingerichtet, um uns vor Raketeneinschlägen in Sicherheit bringen zu können.“
Die Sirenen heulten immer häufiger, Lebensmittel und Wasser wurden knapp. „Die Situation spitzte sich immer mehr zu“, erzählt Svitlana Schmidt, die mit Schrecken die Fernsehbilder von einschlagenden Raketen sah. Und von den vielen Menschen, die sich in U-Bahn-Schächten in Sicherheit bringen. Die ganze Zeit sei sie in engem Kontakt mit der Tochter gewesen. Schweren Herzens dann die Entscheidung: „Bring dich und die Kinder sofort da raus.“
Tagelange Flucht
Am Mittwoch haben sie sich dann tatsächlich Hals über Kopf und mit zwei schnell gepackten Koffern auf den Weg gemacht, erzählt Julia Samyhia. Zu diesem Zeitpunkt plante sie noch eine schnelle Rückkehr, sobald die Kinder sicher in Deutschland sind. Die Großmutter bleibt indessen in Kiew zurück und wird von Bekannten versorgt. Der 30 Jahre alte Bruder ist ebenfalls noch vor Ort. Männer dürfen das Land nicht verlassen. Sie müssen kämpfen.
Julia Samyhia und die Kinder waren auf der Flucht auf sich alleine gestellt: Sie berichtet vom Chaos und den vielen Menschen auf der Flucht, mit jeder Stunde hätten sich mehr auf den Weg gemacht. Ihre Kinder schlafen zwischendurch auf den Koffern. Immer wieder müssen sie ausharren und hoffen, dass es weitergeht.
Schon am Bahnhof Kiew warten sie stundenlang auf Platz in einem Zug. Endlich erwischen sie einen, fahren bis Lemberg (Lwiw), rund 70 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Später erfährt die Ukrainerin, dass Stunden später eine Rakete über Kiew abgeschossen wurde und Trümmerteile den Bahnhof getroffen haben.
Es geht weiter mit einem Taxi, sogar kilometerweit zu Fuß. Von Lemberg aus kommt die Familie an die Grenze, dann in ein Auffanglager und am nächsten Tag mit Hilfe von Verwandten nach Warschau, wo sie für eine Nacht unterkommt. Tags darauf steigen alle in den Bus nach Deutschland. Ziel: Bremen. Dort werden sie abgeholt.
Große Dankbarkeit
„Wir sind uns weinend in die Arme gefallen“, erzählt ihre Mutter. Der Bus war eine halbe Stunde zu früh in Bremen angekommen und ihre Tochter schon in Sorge, als die Wilhelmshavener am Busbahnhof noch nicht zu sehen waren.
In Wilhelmshaven kommt Julia Samyhia nun langsam zur Ruhe – und ist überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Menschen. So hat die Familie viele Sachspenden erhalten. Die große Sorge aber bleibt: Wie geht es jetzt weiter? An Rückkehr sei aufgrund der immer schwerer werdenden Angriffe der russischen Armee nicht mehr zu denken, sagt Samyhia. Die alleinerziehende Mutter sucht nun möglichst eine eigene Wohnung für sich und die Kinder. Vor allem aber wünscht sie sich eins: Frieden in ihrem Land – und dass es den Lieben in Kiew gut geht.
