WIlhelmshaven - Auwirkungen auf die Auslastung des Frauen- und Kinderschutzhauses der AWO hatte die Pandemie bisher nicht – sehr wohl aber auf das Leben in der Einrichtung. „Auch wir hatten durch unseren Hygieneplan viel mehr Distanz, keine Geselligkeit, konnten mit den Frauen nur eins zu eins arbeiten“, sagt die Geschäftsführerin des AWO Kreisverbands Wilhelmshaven/Friesland, Doris Tjarks. Auch die Maske hindere natürlich bei Gesprächen, lasse die Mimik manchmal nicht erkennen, verstärke Sprachbarrieren.
Statt der sonst acht Plätze können aktuell nur fünf belegt werden – damit jede Frau ein eigenes Zimmer und Bad hat. „Wir sind damit bisher gut ausgekommen“, sagt Tjarks. Allerdings hat die AWO von der Stadt Wilhelmshaven und dem Landkreis Friesland die Zusage bekommen, bei Bedarf Ferienwohnungen für hilfsbedürftige Frauen anmieten zu dürfen.
Erst am Dienstag hatte Niedersachsens Sozialministerin Daniela Behrens Frauen, die zu Hause Gewalt erfahren, dazu aufgerufen, sich Hilfe zu suchen. Die Befürchtung: Durch die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen könnte die Zahl der Gewalttaten deutlich zugenommen haben. „Wir haben keinen erhöhten Bedarf festgestellt“, sagt Tjarks. Wilhelmshaven sei keine Großstadt, das Leben habe sich für das Hauptklientel durch Corona kaum verändert. „Wir haben eine hohe Arbeitslosigkeit, viele Menschen sind generell viel zu Hause.“ Die Probleme seien die gleichen geblieben – genau wie der Bedarf, sich Schutz zu suchen.
Das Frauen- und Kinderschutzhaus arbeitet derzeit viel mit Frauen, die nach Deutschland gekommen sind und jetzt vor ihrem Mann oder ihrer Familie fliehen – weil sie in ihrer Kultur nicht die gleichen Rechte besitzen oder gar von Zwangsheirat bedroht sind. „Das sind Themen, die sich durch Corona nicht verändert haben.“
Bei der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt zeigt sich ein ähnliches Bild: „Wir haben viele Bedarfsfälle, die Opfer benennen aber nicht Corona als Problem“, so Tjarks. Oft sei Alkohol im Spiel, der Partner „schon immer so gewesen“, die Lebenssituation trotz Pandemie nahezu unverändert.
Tjarks sieht aber sehr wohl eine Veränderung innerhalb der vergangenen anderthalb Jahre: Die Meldekette konnte zeitweise nicht mehr funktionieren. „Häusliche Gewalt wird oft von Kindergärten oder Schulen gemeldet. Für viele Frauen sind das die einzigen Anlaufpunkte, die einzigen Orte, an denen sie sich der Kontrolle des Mannes entziehen können.“ Durch die Lockdowns fielen die weg. „Manche Opfer hatten dann sicherlich nicht die Chance, deutlich zu machen, dass sie Hilfe brauchen.“
Was weiterhin funktionierte, war der Meldeweg über die Polizei: „Oft sind es die Nachbarn, die sich einschalten, weil sie merken, dass etwas nicht stimmt.“ Die Polizei bringt die Frauen – und gegebenenfalls die Kinder – dann in die Einrichtung. „Viele hätten selbst nicht den Weg gefunden, sich Hilfe zu holen.“
Im Frauen- und Kinderschutzhaus kommen – wie der Name schon sagt – Mütter gemeinsam mit ihren Kindern unter. Auch für die kleinen Gäste hat sich durch die Pandemie natürlich viel verändert. „Wer zu uns kommt, wird zuerst getestet, dann dürfen die Kinder aber miteinander spielen“, sagt Tjarks.
Dank des Förderprogramms des Landes Niedersachsen konnten Geräte für das Homeschooling angeschafft werden, die Mitarbeiter stehen unterstützend zur Seite. Für die Kinder sei das ein großer Vorteil, sagt Tjarks. Wenn sie im Schutzhaus seien, könnten sie oft nicht zur Schule gehen – um sie vor dem Zugriff des Vaters zu schützen oder weil die Mutter mit ihnen sogar in eine andere Stadt fliehen musste. „Durch das Homeschooling können sie weiterhin teilnehmen und den Kontakt halten.“
Opfer häuslicher Gewalt können auch ein flächendeckendes Netz an Hilfsangeboten zurückgreifen. Für Wilhelmshaven und Friesland ist das Frauen- und Kinderschutzhaus der AWO für Notfälle erreichbar unter Tel. 2 22 34.Die Beratungs- und Interventionsstelle der AWO ist erreichbar unter Tel. 77 86 974. Sprechzeiten: montags, 9 bis 11 Uhr, und donnerstags, 15 bis 17 Uhr.
