WILHELMSHAVEN/FRIESLAND - Adolf „Addi“ Repinski wuchs in der Grenzstraße auf. Sein Elternhaus wurde 1944 zerstört, er zog zu den Großeltern in die Deichstraße. Bei Kriegsende 14 Jahre alt, hatte er das große Glück, bei den Gas- und Elektrizitätswerken eine Elektriker-Ausbildungsstelle zu bekommen. So half er zunächst, die Elektroleitungen im Stadtgebiet zu reparieren und die Straßenbeleuchtung wieder anzuschließen.
Ein dickes Plus in dieser Zeit stellten das Kantinenessen und das monatliche Koksdeputat für die Mitarbeiter dar. Beliebte Badestelle im Sommer war die Wiesbadenbrücke. „Mit der Grodenfähre setzten wir nach Klein Wangerooge über. Dort stand noch ein wackeliger Sprungturm.“
In den 50er-Jahren kam er an ein Gartengrundstück am Südstranddeich neben der Prince-Rupert-School, in dem heute das Senckenberg-Institut untergebracht ist (der größere Teil der englischen Internatsschule war in der Kaserne am Banter See untergebracht). Die Schüler hätten so manchen Ball über den Zaun geworfen.
Freundliche Besatzungssoldaten
Der Sander Rolf Hinz war fast 15 Jahre alt, als die polnischen Panzer am 6. Mai 1945 aus Richtung Neustadtgödens kommend durch die Dollstraße und Hauptstraße Richtung Scharfe Ecke rumpelten, er am Straßenrand beobachtete den Vorbeizug. An der Scharfen Ecke war ein Sammelplatz für Waffen deutscher Soldaten. Die polnischen Soldaten richteten sich in einer Wehrmachtbaracke in der Nähe der Schule ein. Wenige Tage später rückten kanadische Soldaten in Sande ein. Im „Sander Hof“, seinem Elternhaus gegenüber, richteten sie ihre Kantine ein.
Rolf Hinz heuerte bei ihnen als Laufbursche und Kantinenhelfer an. Mit Vorteilen: Hier und da „staubte“ er mal etwas ab, wie Tee oder Süßigkeiten. Einer der Soldaten, Tom, habe ihm Auto fahren beigebracht – auf einem Bedford-Laster. „Ich habe die Besatzungssoldaten nur freundlich in Erinnerung“, so Hinz.
Angst vor Rache der Zwangsarbeiter
Seine Frau Elke erlebte das Kriegsende als Zehnjährige in Upjever, wo sie am Anfang der Betonstraße mit Eltern und Schwester wohnte. In direkter Nähe befand sich ein Lager, in dem polnische Zwangsarbeiter untergebracht waren. Die Furcht ging um, dass diese Rache für erlittenes Unrecht nehmen würden. Doch zumindest ihrer Familie geschah nichts.
Nachdem der Fliegerhorst von der britischen Royal Air Force mit Beschlag belegt wurde, heuerten dort ihr Vater als Klempner und sie selbst als Sekretärin an.
Von einem Dorf bei Nürnberg nach Wilhelmshaven
Gisela Borchert (84) aus der Schulstraße wurde in Emden geboren und erlebte das Kriegsende als Kind in einem Dorf bei Nürnberg, wohin sie mit ihrer Mutter aus dem zerstörten Emden evakuiert worden war. Als die Amerikaner heranrückten, hängten die Dorfbewohner weiße Laken aus den Fenstern. Kolonnen von Lastwagen rollten durchs Dorf. „Damals sah ich zum ersten Mal einen schwarzen Menschen – und erschrak.“ Doch anders als die Propaganda zuvor glauben machen wollte, zeigten sich die einrückenden Soldaten freundlich, verschenkten sogar Päckchen mit Lebensmitteln, erinnert sich Borchert.
Als 1945 die sudetendeutschen Vertriebenen in Bayern untergebracht werden sollten, mussten Gisela Borchert und ihre Mutter ihre Unterkunft verlassen, wurden in Güterwaggons verfrachtet und zuckelten mehrere Tage durch Deutschland Richtung Norden. Sie hatten eine Aufenthaltsgenehmigung für Wilhelmshaven bekommen, wo ihre Großeltern in der Gökerstraße lebten. Ihr Vater war 1944 in Litauen gefallen.
Ihre Mutter schlug sich mit kleinen Jobs durch und fand für sich und ihre Tochter eine Bleibe in einer der Lagerbaracken in Fedderwardergroden. „Unsere Wohnung hatte keine Türen. Die waren alle verheizt“, erinnert sich Borchert. 1952 bekamen sie in Voslapp an der Flutstraße eine Wohnung zugeteilt – „die erste richtige Wohnung nach elf Jahren.“
Borchert ging zur Oberschule. Von der Besatzung bekam sie als Heranwachsende in Voslapp nichts mit. Bleibenden Eindruck hinterließen bei ihr die ersten Kinobesuche, vor allem aber ein Konzert des Wilhelmshavener Sinfonieorchesters, noch im Kino „Regina“. Die Oberschülerinnen durften die Generalproben belauschen.
Später heuerte Borchert als Sekretärin bei der Nordwest Oelleitung GmbH an und „machte den Bau der Pipelines mit.“
Aufwachsen als Kind der Besatzung
Marion Fischer (73) aus der Hamburger Straße ist ein Kind der Besatzung. Ihr leiblicher Vater war ein kanadischer Soldat, den sie aber nie kennen lernte. Er verschwand „über den großen Teich“. Später verliebte sich ihre Mutter in einen netten Engländer, Wachmann an der Prince-Rupert-School, wo sie arbeitete. Der hatte ein Auge auf sie geworfen. Das Paar wollte in Wilhelmshaven bleiben, doch die Vorgesetzten schickten den jungen Mann nach England zurück. So zog Fischers Mutter 1948 ebenfalls ins nordenglische Newcastle, wo das Paar heiratete und die Mutter den Rest ihres Lebens verbrachte.
Marion Fischer aber blieb bei ihren Großeltern in Wilhelmshaven, sah ihre Mutter nur alle paar Jahre, „denn wir hatten ja alle nicht viel Geld zum Verreisen“, und pflegt noch heute Kontakt zu ihrer Halbschwester in Newcastle.
Flucht vor heranrückender Front
Karl-Heinz Sap (88) aus Cäciliengroden war Tischlerlehrling bei der Kriegsmarinewerft. Die Lehrlingswerkstatt war damals nach Westerstede ausgelagert. Von dort stahl er sich auf der Flucht vor der heranrückenden Front auf einem Armeelaster und unter den Fittichen eines „dekorierten“ Soldaten nach Hause, wo er auf Anweisung des Ortsgruppenleiters noch Straßensperren am Ortseingang errichten musste. Glücklicherweise wurde das Dorf dann doch nicht mehr bis zum Letzten verteidigt. Stattdessen richteten sich die alliierten Soldaten in der Schule ein.
Sap begann eine zweite Lehre, wurde Autoschlosser und ging, wie vieler seiner Altersgenossen, Anfang der 50er in den Ruhrgebietsbergbau. Nach einem Beinaheunglück unter Tage sattelte er um und fuhr zur See. „Ich transportierte die ersten VW Käfer nach Kalifornien“, erzählt er.
