Wilhelmshaven - Presto? Nein als Andante hat Jan Steinbach Frank Wedekinds Frühlings Erwachen an der Landesbühne Niedersachsen-Nord inszeniert. Es ist das Tempo, das Zuschauern genügend Zeit lässt, die theatralische Botschaft zu reflektieren. Und die lautet: Das Erwachsen werden hat viele Facetten - die Pubertät, also die Entwicklung der eigenen Sexualität, ganz besonders; vor allem wenn die Erwachsenen dabei keine Hilfe sind, weil sie sich den drängenden Fragen ihrer Kinder verweigern. Oder die Gesellschaft nicht reif genug ist, die Belange der Heranwachsenden zu respektieren.

Frank Wedekinds Drama entstand in einer Zeit doppelter Sexualmoral und strenger staatlicher Repressionen, denen schon ein 14-jähriger Gymnasiast ausgesetzt war. Da könnte man leicht sagen, die Lage hat sich für die Jugendlichen von heute geändert. Schon am Beispiel von Moritz Stiefel (Cino Djavid) wird die Zeitlosigkeit der Probleme deutlich, die in Frühlings Erwachen angesprochen werden.

Moritz steht so sehr unter Druck durch die Schule und das Elternhaus, so dass seine Sexualität nicht einmal als Ventil funktioniert. Moritz sieht nur zwei Auswege aus seiner Situation: die Flucht nach Amerika oder den Suizid. Für ersteres verweigert ihm die Mutter seines Freundes Melchior das Geld. Die leichtlebige Ilse (Sara Spennemann), die Moritz verführen will, könnte das Blatt noch wenden.

Steinbach findet für seine Inszenierung einen erzählerischen Grundton, gestützt durch ein symbolträchtiges Bühnenbild und die passenden Musiken - ob rockig oder sakral einfühlsam. Es gelingt ihm, den Umgang mit Schamgefühl und Sexualität deutlich, aber ohne jegliche Peinlichkeiten zu zeigen.

Es ist eine dichte Inszenierung auf hohem Niveau mit ausnahmslos hervorragenden Schauspielleistungen.