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NWZonline.de Region Wilhelmshaven

Wilhelmshaven gehört von Anfang an zur Front

01.09.2009

Das Grauen des Zweiten Weltkriegs begann am 1. September 1939 – heute vor 70 Jahren. Den schwersten Angriff erlebte die Stadt am

15. Oktober 1944.

Von Hans-Jürgen Schmid

Wilhelmshaven Mit dem Überfall deutscher Truppen auf Polen begann heute vor 70 Jahren, am 1. September 1939, der Zweite Weltkrieg. Auffallendstes Zeichen des Kriegszustands waren zunächst die stark gestiegene Zahl der Uniformen im öffentlichen Raum und der Befehl der allgemeinen Verdunkelung. Das Wesen des Krieges hatte sich gewandelt: Die Heimat war von Anbeginn an Front. Das galt in besonderem Maße für Wilhelmshaven, Deutschlands größten Kriegshafen.

Wegen der besonderen Bedeutung Wilhelmshavens war in der Jadestadt vom ersten Tag an mit Luftangriffen zu rechnen. Vor diesem Hintergrund hat es Überlegungen gegeben, Frauen und Kinder aus der Stadt heraus zu bringen, Gedanken, die aber zunächst nicht intensiv verfolgt wurden. Gleichwohl verließen nach den ersten Luftangriffen viele Wilhelmshavener die Stadt, kehrten aber aus den nicht bombengefährdeten Bereichen an die Jade zurück, als weitere Angriffe vorerst ausblieben. Es war eine ausgesprochen trügerische Sicherheit, die zudem nicht lange anhielt.

Mit dem ständig wiederholten Hinweis, Deutschland könne nur in Frieden leben, wenn es jedem Angriff von außen widerstehen könne, hatte die nationalsozialistische Propaganda die Bevölkerung bereits lange vor 1939 auf einen Krieg vorbereitet. In Wilhelmshaven veranstaltete der Reichsluftschutzbund regelmäßig Übungen und Vorführungen und machte die Bevölkerung mit Schutzmaßnahmen vertraut. Das reichte von der immer wieder dargelegten Bedeutung eines aufgeräumten Bodenraums, um Brandbomben keine Nahrung zu geben, bis zur Verstärkung von Kellerräumen. Doch: Kaum einer ahnte vor sieben Jahrzehnten die Intensität des Grauens, dem sich auch die Bevölkerung an der Jade über Jahre gegenübersah.

Als im August 1939 letzte Versuche, den drohenden Krieg zu verhindern, gescheitert waren, brachten englische Flugzeuge die in Berlin lebenden Engländer in die Heimat zurück. Aus einem dieser Flugzeuge wurden auf Schillig-Reede liegende deutsche Kriegsschiffe fotografiert. Und als dann am 3. September, 11 Uhr, auch Kriegszustand zwischen Großbritannien und Deutschland herrschte, fand ein britisches Aufklärungsflugzeug die deutschen Schiffe unverändert auf Schillig-Reede vor.

Die Nachricht des Aufklärers wurde jedoch – aus welchen Gründen auch immer – ebenso wie eine weitere vom 4. September auf der Insel nicht aufgenommen. Gleichwohl starteten am Nachmittag dieses Tages britische Kampfflugzeuge mit dem Befehl, deutsche Schiffe vor Wilhelmshaven und Cuxhaven anzugreifen.

Am späten Nachmittag des 4. September, kurz vor 18 Uhr, erreichte der Verband sein Ziel, stieß hier jedoch auf erbitterten Widerstand der deutschen Flugabwehr. Ein Flugzeug warf Bomben auf das Panzerschiff „Admiral Scheer“, die aber abglitten und nicht explodierten.

Nur einer der 15 Bomber gelangte über Werft und Südstadt in den Großen Hafen, eine Situation, die die Wilhelmshavener Schriftstellerin Freuke Adrian in ihrem Buch „Die Kaiser-Wilhelm-Brücke in Wilhelmshaven – Ein Jahrhundertbauwerk“ präzise schildert. Bei diesem britischen Flugzeug handelte es sich danach um die fünfte Maschine der 110. Squadron Hyderabad vom Typ „Blenheim IV“. Diese Maschine prallte, im Abwehrfeuer schwer getroffen, gegen die Bordwand des Kreuzers „Emden“, der gerade an die Wiesbadenbrücke verholt hatte, um dort von einem Güterzug Minen zu übernehmen. An Bord der „Emden“ gab es acht Tote, ein weiteres Besatzungsmitglied starb im Lazarett; von den 30 Verwundeten hatten zwölf schwere Verletzungen erlitten. In dem Feuerball fanden auch der britische Flugzeugführer und die beiden weiteren Crew-Mitglieder den Tod.

Es war der erste Angriff auf Wilhelmshaven, dem 101 weitere und sehr viel schwerere folgten, die Zerstörung und Tod brachten. Die Luftangriffe verschärften sich deutlich, als Deutschland den USA den Krieg erklärte und auch amerikanische Bomber ab Januar 1943 Wilhelmshaven angriffen. Ein schwerer Tagesangriff erfolgte am 22. März 1943 mit 73 Toten und 120 Verletzten. Weite Teile von Heppens und der Bereich um die Gökerstraße waren völlig zerstört. Die meisten Opfer wurden in Luftschutzkellern gezählt, die dem Druck der schweren Explosionen nicht mehr standhielten.

Die heute 91 Jahre alte Ilse Wachtl, Tochter des langjährigen Wilhelmshavener Nachkriegs-Oberbürgermeisters Reinhard Nieter, erinnert sich: „Alarm gab es kurz nach Mittag. Mein Vater und ich gingen in den Keller des Hauses Flensburger Straße 34. Dort wurden wir verschüttet. Meinem Vater gelang es schließlich unter großen Mühen, Trümmer fortzuräumen, so dass wir nach draußen konnten. Sorgen machten wir uns um meine Mutter, die sich auf dem Weg in den Kleingarten befunden hatte, als der Angriff begann. Doch sie hatte Platz in einem Bunker gefunden.“

Der schwerste Angriff auf Wilhelmshaven mit 600 Bombenflugzeugen fand am 15. Oktober 1944 statt. 40 Menschen starben, 19 400 wurden obdachlos.

Am Ende des Krieges war die innere Stadt ein Trümmerfeld. Unter der ortsansässigen Bevölkerung zählte man mehr als 500 Tote, die Hälfte Frauen und Kinder. Es starben außerdem viele Soldaten sowie auf den Baustellen im Stadtgebiet, insbesondere bei der 4. Hafeneinfahrt, eingesetzte Zwangsarbeiter.

47 öffentliche Gebäude, 406 Handels- und Geschäftsgebäude, elf Industriegebäude und -einrichtungen sowie 15 Gebäude der Staats- und Kommunalverwaltung waren zerstört oder stark beschädigt.

Völlig zerstört oder schwer beschädigt waren ein Krankenhaus, das Krematorium, das Stadttheater, neun Kirchen und 17 Schulgebäude. Das beschädigte Senckenbergische Institut wurde nach der Besetzung völlig ausgeraubt. Zerstört oder schwer beschädigt waren 5600 Wohngebäude mit mehr als 36 700 Wohnungen.

Vor 70 Jahren, schon in der ersten Woche des Krieges, erinnerten die Bürger hinter vorgehaltener Hand an das Wort des Luftwaffen-Oberbefehlshabers Göring, der großspurig verkündet hatte, Meyer heißen zu wollen, wenn auch nur eine Bombe auf Deutschland fallen sollte. Heulten die Luftschutzsirenen, dann sprach man von „Meyers Waldhorn“, denn Göring, im Volksmund „Goldfasan“, war auch Reichsjägermeister.

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