Wilhelmshaven - Niemand möchte neben Frau Heisinger sitzen. Die sabbert nämlich beim Essen und man möchte es doch auch noch ein bisschen schön haben, also bitte nicht neben Frau Heisinger. Die Kinder kommen so selten zu Besuch und die Sanduhr läuft ab. Sie sind gestrandet, die alten Leute. Gestrandet in diesem Altenheim, das ihre Endstation ist. Der letzte Halt vor dem Tod, dabei wollten sie doch eigentlich nur nach Hause. „Ich wollte nur Heim, jetzt bin ich im Heim.“ Jetzt sind sie Zimmerpflanze geworden, unfreiwillig ausgestiegen aus dem Zyklus der Lebenden.

Die Produktion „Geister sind auch nur Menschen“ der Landesbühne Niedersachsen Nord von Regisseurin Catharina May und Dramaturgin Kerstin Car, die Samstag Premiere im TheOs feierte, handelt vom Alltag eines Pflegeheims und den Gedanken seiner Bewohner. Vor allem gibt er diesen alten, unselbstständig gewordenen Menschen eine Stimme, die allzu oft nicht mehr zu Wort kommen. Diese Stimme geben ihnen auf der Bühne Franziska Kleinert, Sibylle Hellmann und Thomas Marx. Philipp Buder tritt in der Rolle des Pflegers auf, man könnte eher sagen: Wärter.

Ja, und was passiert nun hier auf der Bühne? Man könnte geneigt sein, zu sagen: Nicht viel, dreht sich doch die Handlung so manches Mal im Kreis wie das Karussell in der Bühnenmitte. Da wird gezankt, diskutiert, Kot an Wände geschmiert; voran kommt hier niemand. Doch gerade das ist es, was diesen Theaterabend so wertvoll macht, geht es doch genau darum, das zu zeigen.

Zwischendurch verhandeln diese Stimmen der Alten Dinge, die sie umtreiben. Durch das Urteil vergangene Woche, das das Verbot der Sterbehilfe in Deutschland als verfassungswidrig bezeichnete, erhält diese Inszenierung eine noch eindrücklichere Aktualität. „Ich möchte gegangen sein dürfen“, sagt da jemand auf der Bühne. „Schilddrüse, Milz, Herz, stellt doch eure Arbeit ein.“ Sie haben doch genug geschuftet. Da ist jemand des Lebens müde geworden, da fragt sich jemand: Ist ein unwürdiges Leben wirklich besser als der Tod? Oder doch nicht eher schlechter? Auch Thema: Die Diskrepanz zwischen Geist und Körper. Wie fühlt es sich an, im Kopf vielleicht jung geblieben zu sein, aber in einem Körper zu stecken, der sich nicht mehr wie der eigene anfühlt, weil er zu nichts mehr Nutze ist?

Neben den angesprochenen Themen ist es vor allem die Sprache, die dieses Theaterstück von Katja Brunner, das eine Auftragsarbeit für das Luzerner Theater war, besonders macht. Poetisch und fragil kommt sie daher, gleichzeitig aber nimmt die Autorin kein Blatt vor den Mund. Wer Fäkalsprache nicht mag, sollte hier so manches Mal weghören. Die Worte sind es aber auch, die manchmal so sehr rühren, die es möglich machen, sich einzufühlen in den Kopf dieser alten Menschen, die vielleicht Solidarität schaffen und daran erinnern, dass man selbst vielleicht auch einmal auf Socken Karussell fahren und durch einen Schlauch gefüttert werden wird.


Die Schauspieler transportieren diese Botschaft. Bühne und Kostüme, alles im unschuldigen Hellblau, schlagen die Brücke zum Kindlichen, das dem Verhalten der Alten doch manchmal allzu sehr ähnelt. Die weißen Plastikstühle, die das Karussell umsäumen, veranschaulichen nicht nur das Chaos, das vielleicht im Inneren der Charaktere herrscht. Sie stehen auch für die Sterilität und Kühle dieser Einrichtung. Luxus ist hier ein Fremdwort.

Die Entscheidung von Regisseurin und Dramaturgin, die ohnehin schon rhythmische Sprache Brunners teils in Musik umzusetzen, war eine gute. Die choreographischen und chorischen Momente verleihen der Inszenierung Dynamik. Am Ende ist die Sanduhr abgelaufen. Und nun? Diese Frage bleibt unbeantwortet.