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Theater im Provisorium 29 Große Leistung auf minimalistisch gestalteter Bühne

Wolfgang A. Niemann

Wilhelmshaven - Eine wahre Herausforderung für Ensemble und Publikum gab es am Samstag bei der Premiere von „Der Weg zurück“. Zwei Stunden intensives Sprechtheater ernteten schließlich viel Beifall für eine große Leistung.

Das Stück des britischen Autors Dennis Kelly (deutsch von John Birke) führt aus der Gegenwart in eine erschreckend real wirkende Dystopie und offeriert gegen Ende allenfalls einen Funken Hoffnung. Dabei geht es so anrührend menschlich los mit einem grandiosen Monolog von Simon Ahlborn als Vater einer eben geborenen Tochter.

Der Anfang des Rückschritts

Hilflos beklommen erinnert er sich an die großen Mühen, dieses Kind zu zeugen, was technologisch und kostenaufwendig endlich mit künstlicher Befruchtung gelang. Und dann das Versagen von Hightech bei der Geburt, wo die Mutter zu Schnulzenmusik beim Kaiserschnitt verblutet. Für Baby Dawn, also Morgenröte, soll es nur noch Sicherheit geben.

Ihr Vater schwört dazu allen Fortschritt ab, da dieser nur Unglück bringe. In diesem Moment der Erleuchtung wird er zum Gründer der Bewegung „Regression“, die sich den Rückschritt auf die Fahnen geschrieben hat. Dazu toben nun auch Konstanze Fischer, Ramona Marx, Jan-Eric Meier und Andreas Möckel auf der von Luisa Wandschneider minimalistisch gestalteten Bühne, um das Fortschreiten des Fortschritts aufzuhalten.

Der Weg zurück zur Einfachheit

Vorangehen, ohne etwas zu wissen. Alles vergessen, zurück zur Einfachheit – was mit Parolen beginnt, sorgt bald für Aufruhr, Chaos, offenem Terror und Auflösung. Wobei sich Dawn als Aktivistin mit Jonathan zusammentut und die Bewegung zum Fanatismus von Ökofaschisten mutiert, die alles Moderne zerstören.


Bei aller Radikalität zeugen die Beiden dann Zwillinge, die in der nächsten Generation die Könige vom nationalen Regressionsrat werden. Die Bewegung hat gesiegt und beteuert, es gebe keine Hungersnöte und kein Hinrichtungsprogramm. Die beherrschende Parole aber heißt „Nichtwissen ist ein Segen!“ (George Orwells „1984“ lässt grüßen!).

Mag es auch immer noch antiregressionistische Kräfte geben, so lebt die – sichtbar farblos gewordene Welt – doch in glorreichen Verhältnissen, wie die Zwillinge unter Hinweis auf die herrschenden zehn Gebote deklamieren. Alle Technologie wurde enttechnisiert, das Rechtswesen nehmen die Menschen selbst in die Hand, Forschung ist antiregressiv und somit verboten, nur bei der Medizin tut man sich noch schwer. Helfen will man ja, aber bitte ohne Fortschrittliches.

Sprache zur Einsilbigkeit reduziert

Bleibt die Sprache als Auslöser von Moderne, weshalb sie drastisch reduziert werden muss – bis zur Einsilbigkeit in der nächsten Generation. In die die Urenkelin von Dawn einen Sohn setzt, der in einer aufs Rudimentäre zurückgeschrittenen Gesellschaft voller Misstrauen, Hass, Magie und Aberglauben seine tief verwurzelte Wut auf alles auslebt und Rache nimmt.

In diese primitive Welt der Einsilbigkeit wird seine Tochter geboren. Sie setzt mit einem schier alles überrollenden Monolog von Ramona Marx der längst ins Dystopische versunkenen Zukunft ein Fünkchen Hoffnung entgegen. In aller Unschuld entdeckt sie ein Insekt unter einer Lupe und – das Wort Staunen. „Ich habe gestaunt“, murmelt sie.

Hohes Lob für packende Übersetzung

Und das alles lebt ausschließlich von Bildern, die über eindringliche Sprache und karges Ambiente in die Köpfe der Zuschauer projiziert werden. Für die ebenso packende wie überzeugende Umsetzung dieses komplexen und unweigerlich kontroversen Dramas, das zu Diskussionen herausfordert, gebührt Regisseur Robert Teufel und dem Ensemble hohes Lob.

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