Wilhelmshaven - Es gab eine Zeit, da stand die Geschichte der jugendlichen Liebhaber Romeo und Julia aus zwei verfeindeten Geschlechtern Norditaliens, die an ihrer unbedingten Liebe bis in den tragisch versehentlichen Tod festhalten, für das größtmögliche Maß an Hingabe - versunken in Gefühlen, schwärmerisch und leidenschaftlich bis zum Anschlag. Vor allem das romantische 19. Jahrhundert hat William Shakespeares Muster-Tragödie Romeo und Julia in dieser Hinsicht überformt.

Diese Zeit ist vorbei. Für seine Neuinszenierung der Landesbühne Nord hat Oberspielleiter Olaf Strieb die dramatis personae in einen wunderbaren, post-postmodernen und multifunktionalen Kunstraum von Cornelia Brey (Ausstattung und Kostüme) gebeamt, in dem sie mit Versatzstücken verschiedener Szenekulturen um Identität ringen.

Aus dem Wohnturm der Capulets ist ein verspiegelter Wohncontainer mit Dachterrasse geworden, an dessen Balkongeländer Romeo (Christian Simon) in rosa Strumpfhosen herumhangelt wie am Reck eines McFit-Studios. Beichtvater Bruder Lorenzo (Sebastian Moske) setzt sich als New-Age-Mönch im klostereigenen Bonsai-Garten in Szene und beim Maskenball tanzen die androgyn kostümierten Veroner in einer grellbunten Club-Disco im Rhythmus allerdings schallgedämmter Dancefloor-Beats.

Kein Wunder, dass auch die Montague-Jungs (André Lassen, Axel Julius Fündeling und Cino Djavid) nicht als Degen tragende junge Adlige auf den Plan treten, sondern als Hormon-gesteuerte Ghetto-Punks in Lederjacken, die nicht wissen, wohin mit ihrer Kraft und mit Eisenstangen und Pistolen auf ihre Gegner losgehen. Strieb geht voll seiner Leidenschaft nach, immer noch ein bisschen mehr aus der Trickkiste zu zaubern.

Im reizvollen Kontrast zur optischen Turbo-Moderne steht auf den ersten Blick die formal gereimte Textfassung von Thomas Brasch. Bei genauerem Hinhören laden die drallen, bisweilen frivolen Dialoge aber genau zu dieser optischen Opulenz ein, für deren Versatzstücke sich Strieb passend zu den jugendlichen Helden des Dramas in den diversen aktuellen Jugendkulturen bedient, ohne sie simpel zu kopieren. So steht das Drama mithin für den ewigen Konflikt zwischen Kindern und Eltern, symbolisiert durch die im Kontrast als graue Mäuse kostümierten Eltern Julias (Julia Blechinger und Stefan Ostertag), die ihr eigenes Kind nicht mehr verstehen.


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